Lange ordentlich verteidigt, zu wenig gewagt
Der FC St.Gallen verliert im Wankdorf mit 0:2 gegen die Young Boys. Verdient, weil die Berner über 90 Minuten die aktivere und vor allem offensiv gefährlichere Mannschaft sind. Trotzdem ist der Auftritt der Espen ordentlich. Defensiv steht Grünweiss lange sicher und nimmt der besten Offensive der Liga viel von ihrer Wucht. Was fehlt, ist der Mut nach vorne. Zu viele lange Bälle, zu wenig spielerische Lösungen, zu wenig Verbindung zum Sturm. Fünf Minuten nach der Pause entscheiden die Partie.

Die Aufreger: Die erste Halbzeit ist kein Spektakel. Das muss sie aus St.Galler Sicht aber auch nicht sein. YB hat viel Ball, kommt aber kaum zu klaren Möglichkeiten. Der FCSG verteidigt konzentriert, eng und konsequent. Besonders Gaal, Stanić und der erneut erstaunlich abgeklärte Heydari machen ihre Sache richtig gut. Das Problem: Nach vorne passiert ebenfalls fast nichts. Nach der Pause erhöht YB das Tempo. Und plötzlich reichen fünf Minuten. In der 59. Minute kommt Essende nach einer präzisen Flanke zum Kopfball und trifft zum 1:0. Fünf Minuten später herrscht nach einem Freistoss Unordnung im St.Galler Strafraum, Zigi pariert zunächst, Guirassy verwertet den Abpraller zum 2:0. Das Spiel ist damit praktisch entschieden.
Der zweite Aufreger folgt eine gute Viertelstunde vor Schluss. Edimilson Fernandes sieht nach VAR-Intervention Rot. Eine viel zu harte Entscheidung. St.Gallen nutzt die Überzahl immerhin dazu, endlich mutiger zu werden. Plötzlich wird höher gespielt, der Ball läuft besser, die Espen kommen zu Möglichkeiten. Die beste hat Okoroji, dessen Abschluss Zesiger auf der Linie klärt. Zu spät. Der Makel: Der grosse Makel dieses Abends ist der fehlende Mut. Enrico Maassen sagt es nach dem Spiel selbst. Lukas Görtler sagt es ebenfalls. Und auch Daschner kritisiert die Spielauslösung. Zu viele weite Bälle, die oft postwendend wieder zurückkommen. Der FCSG verteidigt ordentlich, traut sich mit Ball aber zu wenig zu. Zu selten versucht St.Gallen, sich unter dem hohen Berner Druck spielerisch zu lösen. Die Verbindung zwischen Defensive, Mittelfeld und Sturm funktioniert kaum. Baldé und Hunziker hängen über lange Strecken in der Luft. Das ist insofern ärgerlich, weil die defensive Leistung eigentlich eine gute Grundlage bietet. YB spielt in der ersten Halbzeit nicht schlecht – aber St.Gallen lässt schlicht nichts zu. Maassen sagt hinterher sogar, seine Mannschaft habe weniger Chancen zugelassen als bei einigen der jüngsten Siege im Wankdorf.
Nur reichen gute Abstände und gewonnene Defensivduelle eben nicht, wenn offensiv zu wenig folgt. Gerade deshalb ist diese Niederlage verdient. Nicht weil St.Gallen auseinanderfällt. Nicht weil YB die Espen 90 Minuten an die Wand spielt. Sondern weil die Berner zwei Standardsituationen zu zwei Toren nutzen. Dass sich die Espen nach dem Spiel über den fehlenden Mut ärgern, ist hingegen ein gutes Zeichen.

Der Schiedsrichter: Lukas Fähndrich leitet die Partie über weite Strecken gut. Ruhig, klar, mit einer nachvollziehbaren Linie. Und dann kommt diese rote Karte. Fernandes spielt im Zweikampf zuerst den Ball und trifft Görtler anschliessend mit dem nachziehenden Bein. Das kann wehtun – Görtler bestätigt das nach dem Spiel selbst. Aber Rot? Nein. Der VAR schickt Fähndrich an den Bildschirm, der Schiedsrichter entscheidet auf Rot. Auch aus unserer Sicht ein Fehlentscheid. Eine zu harte Bestrafung für eine Szene, die nach Gelb problemlos erledigt gewesen wäre. An der Niederlage ändert das allerdings nichts. St.Gallen hat danach noch genügend Zeit in Überzahl. Und reagiert zwar gut, aber nicht gut genug.
Seoane im Spital: YB muss gegen den FCSG ohne seinen Cheftrainer auskommen. Gerardo Seoane begibt sich am Freitag wegen Schwindelgefühlen und Unwohlsein ins Spital. Dort wird eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs im Innenohr diagnostiziert. Am Samstagnachmittag kann der 47-Jährige das Spital wieder verlassen und befindet sich auf dem Weg der Besserung.
Demnächst: Am kommenden Samstag geht es zu Hause gegen Servette weiter. Die Genfer haben sich nach ihrem schwierigen Saisonstart gefangen und zuletzt wieder regelmässig gepunktet. Heute kommt gegen Vaduz ein 2:1 dazu. Es wartet also erneut ein Gegner, der unangenehm zu bespielen sein wird. Für den FCSG geht es darum, die gute defensive Entwicklung mitzunehmen – und vorne wieder einen Schritt weiterzumachen.

Young Boys – FCSG 2:0 (0:0)
Tore: 59. Essende 1:0, 64. Guirassy 2:0.
YB: Keller; Schmidt (89. Janko), Jenz, Zesiger, Bukinac; Gigović, Fernandes; Fassnacht (73. Sène), Sanches (81. Lauper), Guirassy (73. Virginius); Essende (89. Wüthrich).
SG: Zigi; Gaal, Stanić (80. Fazliji), Heydari; Daschner; Vandermersch (85. Frokaj), Görtler, Boukhalfa (60. Okoroji), Stevanović; Hunziker, Baldé (60. Scherrer).
Rot: 78. Fernandes (YB).
Wankdorf: 24’266 Fans
Ref: Lukas Fähndrich
Stimmen zum Spiel


Bilder zum Spiel
Bild: Cyriac Schnyder Text und Ton: Marc Baumeler

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