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Gut begonnen, brutal bestraft

gruenweiss.sg
vor 2 Stunden
5 Min. Lesezeit

Der FC St.Gallen verliert zu Hause gegen den FC Sion mit 0:3. Das Resultat ist deutlich. Vielleicht zu deutlich für das, was in der ersten Halbzeit lange zu sehen ist. Die Espen starten gut, machen vieles richtig, setzen Sion unter Druck und wirken in den ersten 30 Minuten wie eine Mannschaft, die die schwierige Phase abschütteln will. Dann reicht den Wallisern der erste richtige Stich. Und kurz vor der Pause der zweite. Danach wird es schwer. Sehr schwer.



Die Aufreger: Der FC St.Gallen beginnt gut. Er knüpft dort an, wo er vor Wochenfrist in Genf aufgehört hat. Die Espen sind wach, aggressiv, präsent. Sie spielen mit Druck, sie suchen Ballgewinne, sie bringen Sion in unangenehme Situationen. Sion-Trainer Didier Tholot sagt nach dem Spiel, dass diese erste halbe Stunde aus Sion-Sicht extrem schwierig war. Das darf man erwähnen, weil es stimmt: St.Gallen ist in dieser Phase gut im Spiel.


Nur: Es zählt halt nicht.


In der 37. Minute trifft Chouaref zum 0:1. Der erste wirklich gefährliche Abschluss der Walliser auf das St.Galler Tor sitzt. Danach reagiert Grünweiss durchaus. Die Espen drücken auf den Ausgleich, kommen zu Szenen im Strafraum, wollen das Momentum noch vor der Pause zurückholen. Und dann passiert genau das Gegenteil. Letzte Aktion vor der Pause. Sion kontert. Surdez trifft. 0:2.

Das ist brutal. Nicht, weil es aus dem Nichts kommt — Sion hat schon Qualität in diesen Umschaltsituationen. Aber weil es den bisherigen Verlauf des Spiels komplett auf den Kopf stellt. Aus einer guten St.Galler Reaktion wird ein Pausenstand, der sich anfühlt wie ein Schlag in die Magengrube. Nach der Pause fällt dann kurz vor dem geplanten Vierfachwechsel das 0:3 durch Kabacalman. Spätestens da ist die Partie entschieden.


Der Makel: Der Makel ist nicht, dass der FC St.Gallen keine guten Phasen hat. Der Makel ist, dass er sich dafür im Moment zu wenig belohnt — und hinten viel zu einfach bestraft wird. Die erste halbe Stunde gegen Sion ist mehr als ordentlich, phasenweise sogar richtig gut. St.Gallen drückt, setzt nach, kommt in gefährliche Räume, zwingt Sion zum Arbeiten. Aber aus dieser Phase entsteht kein Tor. Und genau darin liegt derzeit ein Teil des Problems: Vorne fehlt die letzte Präzision, der letzte klare Abschluss, manchmal auch die letzte Überzeugung. Der FCSG betreibt Aufwand, aber zu wenig Ertrag.


Und dann kippt das Spiel auf eine Art, die inzwischen zu vertraut wirkt. Der Gegner braucht nicht viel. Ein Angriff, ein sauber ausgespielter Moment, ein Fehler im St.Galler Defensivverhalten — und schon liegt Grünweiss zurück. Gegen Sion ist es in der 37. Minute der erste wirklich gefährliche Abschluss der Walliser, der zum 0:1 führt. Kurz vor der Pause läuft der FCSG dann in einen Konter, obwohl genau in dieser Phase eigentlich alle an den Ausgleich denken und glauben – Corner FCSG der Gegenstoss wird nicht verhindert. 0:2!


Das ist gerade die bittere Kombination: vorne zu wenig konsequent, hinten zu offen. So bringt sich St.Gallen immer wieder selbst in schwierige Situationen. Man muss Rückständen hinterherlaufen, Spiele öffnen, Risiken nehmen, noch mehr Energie aufwenden. Und wenn dann die Köpfe schwerer werden, werden auch die Abstände grösser, die Pässe ungenauer, die Entscheidungen hektischer. Nach der Pause kommt zu wenig. Da ist kein richtiges Aufbäumen mehr. Wenig Zusammenhängendes. Viel Bemühen, aber zu wenig Klarheit. Dieses 0:2 steckt sichtbar in den Köpfen. Und in der 59. Minute, kurz bevor Enno Maassen mit einem Vierfachwechsel nochmals Druck machen will, fällt das 0:3. Spätestens da ist die Partie entschieden. Diese Mannschaft ist nicht plötzlich kaputt. Sie kann Fussball spielen. Sie zeigt das auch heute in den ersten 30 Minuten. Aber sie hat derzeit ein Effizienzproblem in beiden Strafräumen. Vorne nutzt sie ihre Möglichkeiten nicht gut genug. Hinten lässt sie zu viel zu und kassiert Gegentore zu leicht. Der Schiedsrichter: Lukas Fähndrich leitet die Partie unauffällig. Und das ist in diesem Fall positiv gemeint. An ihm liegt es ganz sicher nicht, dass St.Gallen 0:3 verliert. Es gibt keine grosse Szene, die das Spiel kippt, keine wilde Linie, keine bleibende Irritation. Der Schiedsrichter ist da, aber nicht der Mittelpunkt.


Was bleibt: Es bleibt ein 0:3 zu Hause. Das tut weh. Vor allem, weil das Stadion wieder stark gefüllt ist, die Stimmung gut, die Erwartung nach dem Sieg in Genf durchaus vorhanden. 17’814 Zuschauerinnen und Zuschauer sehen einen FCSG, der gut beginnt und am Ende trotzdem deutlich verliert. Das ist bitter. Aber es ist auch nicht alles schwarz. Die erste halbe Stunde kann man mitnehmen. Die Art, wie St.Gallen Sion zu Beginn beschäftigt, kann ein Ansatz sein. Die Frage ist nur: Wie bringt man das länger auf den Platz? Wie wird man vorne klarer und hinten wieder stabiler? Am Mittwoch geht es auswärts gegen Lugano weiter. Eine schwierige Reise ins Tessin, keine Frage. Lugano ist stark in die Saison gestartet, hat gegen YB gerade 2:2 gespielt und wird für den FCSG sicher kein Aufbaugegner. Aber vielleicht liegt genau da ein Hoffnungsschimmer: Auswärts sah St.Gallen in dieser Saison oft besser aus als zu Hause.



FCSG – Sion 0:3 (0:2)


Tore: 37. Chouaref 0:1, 45.+1 Surdez 0:2, 59. Kabacalman 0:3.


St.Gallen: Zigi; Kleine-Bekel, Stanić, Okoroji; Vandermersch (46. Owusu), Frokaj (61. Witzig), Daschner, Boukhalfa (60. Neziri), Stevanović; Scherrer (60. Besio), Baldé (61. Hunziker).


Sion: Racioppi; Lavanchy, Sow, Kronig, Cipriano; Kabacalman (80. Kololli), Baltazar; Chouaref (66. Nivokazi), Rrudhani (78. Chipperfield), Surdez (66. Lukembila); Boteli (66. Berdayes).


Berit Sitterstadion: 17’814 Zuschauerinnen und Zuschauer


Ref: Lukas Fähndrich


Einzelkritik: Zigi: Packt seine besten Paraden erst aus, als es schon 0:3 steht. Bei den Gegentreffern ist er machtlos. Beim dritten lenkt er den Ball unglücklich ins eigene Tor, aber Kabacalman kommt aus kurzer Distanz völlig frei zum Abschluss. Da kann der Goalie wenig machen.


Kleine-Bekel: Unauffällig, aber okay. Insgesamt eine solide Partie ohne grosse Ausschläge.


Stanić: Hat mit Boteli einen unangenehmen Gegenspieler und macht das über weite Strecken gut. Vor dem ersten Gegentreffer muss er alles auspacken und hält Boteli auf, danach öffnet sich der Raum für Chouaref. Trotzdem alles in allem eine gute Leistung.


Okoroji: Beim zweiten Gegentor zieht er zu stark nach aussen, allerdings ist die Situation da bereits schwierig, weil Sion Überzahl hat. Einen grossen Vorwurf kann man ihm daraus nicht machen.


Vandermersch: Bemüht, aber ohne grosse Wirkung. Vor dem 0:2 verpasst er es, den Konter notfalls mit einem Foul zu unterbinden. Bleibt zur Pause draussen.


Frokaj: Bemüht, mit einigen guten Aktionen, aber insgesamt zu leicht und zu schnell aus dem Spiel

genommen.


Daschner: Hilft der Mannschaft, tut ihr mit seiner Ruhe am Ball gut, kann aber auch nicht alles ordnen und vor dem 0:1 verpasst er den Ball, was Sion die Chance zum Tor ermöglicht. Nach rund 60 Minuten ist Schluss.


Boukhalfa: Tut der Mannschaft mit seiner Präsenz grundsätzlich gut. Hat während der starken ersten halben Stunde viel auffällige Aktionen. Länger als 60 Minuten kann er nach seiner Verletzung noch nicht.


Stevanović: Viele sehr gute Balleroberungen, vor allem in der ersten Halbzeit. Macht ein starkes

Spiel, arbeitet viel, ist präsent und einer der auffälligeren St.Galler.


Scherrer: Startelfeinsatz — und das macht er richtig gut. Ist gut im Spiel, setzt sich mehrmals stark gegen Seiten- und Innenverteidiger durch. Einer der positiven Punkte dieses Abends.


Baldé: Auch heute wieder auffällig, immer wieder gefährlich, aber im Abschluss glücklos. Trifft das Tor nicht.


Owusu: Kommt zur Pause für Vandermersch, kann aber keine entscheidenden Akzente setzen.


Neziri, Besio, Hunziker und Witzig: Kommen ins Spiel, als dieses bereits entschieden ist. Schwer, da noch wirklich Wirkung zu entfalten.



Stimmen zum Spiel




Bild: Archiv Ton & Text: Marc Baumeler

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