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Ein Abend der richtig schmerzt

gruenweiss.sg
vor 12 Stunden
4 Min. Lesezeit

Der FC St.Gallen verliert auswärts beim FC Lugano mit 1:4. Nach 36 Minuten steht es 0:4. Vier Gegentore, vier Nackenschläge, vier Szenen, in denen Grünweiss viel zu einfach geschlagen wird. Nach der Pause spielt der FCSG fast eine komplette Halbzeit in Überzahl, Andrin Hunziker erzielt mit der Hacke noch ein schönes Tor, aber mehr als Resultatkosmetik ist das nicht. Diese Niederlage ist kein Ausrutscher mehr. Sie ist Teil einer Krise, über die man reden muss.

Die Aufreger: Es gibt keine Aufreger. Nicht im positiven Sinn. Keine Phase, in der der FC St.Gallen dieses Spiel wirklich an sich reisst. Keine Aufholjagd wie gegen Thun. Kein wuchtiger Moment, der noch einmal Hoffnung weckt. Kein Gefühl, dass hier noch etwas kippen könnte. Es gibt an diesem Abend vor allem Makel. Viele Makel.


Der erste zeigt sich nach vier Minuten. Beckham Castro setzt sich gegen Stanić durch, die Szene ist mindestens diskutabel. Danach verteidigt St.Gallen trotzdem zu passiv. Castro kann ziehen, abschliessen, treffen. Zehn Minuten später marschiert Daniel Dos Santos durchs Zentrum, Zigi lässt den Abschluss nach vorne abprallen, Pihlström schiebt ein. Beim 3:0 verliert Daschner das entscheidende Luftduell, wobei auch diese Szene einen Makel hat: Pihlström stösst von hinten, Daschner ist in der Luft, da braucht es nicht viel. Clever gemacht, ja. Aber sauber ist das nicht zwingend. Dass Pihlström nicht der fairste Spieler des Abends ist, zeigt er kurz nach der Pause mit seiner klaren roten Karte eindrücklich genug. Und beim 4:0 schlägt Zigi nach einem weiten Ball ein Luftloch. Karimov muss nur noch einschieben.


Das ist die Art Halbzeit, nach der man eigentlich schweigen möchte. Nur hilft Schweigen gerade auch nicht.


Der Makel: Der grösste Makel bleibt die eigene Leistung. Das muss trotz aller Diskussionen über den Schiedsrichter zuerst gesagt werden. Der FC St.Gallen ist in Lugano über weite Strecken zu harmlos nach vorne und viel zu anfällig nach hinten. Offensiv gibt es Ballbesitz, Versuche, Ansätze. Aber viel zu selten entsteht echte Gefahr. Zu oft fliegen Flanken aus dem Halbfeld in den Strafraum, ohne dass Lugano ernsthaft ins Wanken gerät. Zu selten kommt St.Gallen bis an die Grundlinie. Zu selten wird ein Angriff so ausgespielt, dass ein Abschluss wirklich zwingend wird. Die Distanzschüsse wirken eher verzweifelt als überzeugt. Weit vorbei, drüber, geblockt. Viel Aufwand, wenig Schärfe.


Defensiv ist es noch problematischer. Zu viele Zweikämpfe gehen verloren. Zu viele Bälle werden falsch eingeschätzt oder unterlaufen. Zu oft kommen die Luganesi in gute Abschlusspositionen. Natürlich ist Lugano effizient. Natürlich steht Lugano nicht zufällig an der Tabellenspitze. Aber wenn ein Gegner nach 36 Minuten 4:0 führt, liegt das nicht nur an seiner Qualität. Dann hat man ihm zu viel angeboten. Und dann ist da noch Zigi. Beim 2:0 lässt er den Ball unnötig nach vorne abprallen. Beim 4:0 gehört der Fehler ihm. In einer Phase, in der die Mannschaft ohnehin verunsichert wirkt, wiegt das doppelt schwer. Der Goalie müsste Halt geben. An diesem Abend gelingt ihm das nicht.


Der Schiedsrichter: Luca Cibelli macht es dem FCSG nicht einfach. Vor dem 1:0 geht Beckham Castro in den Körper von Stanić. Der VAR schickt Cibelli an den Bildschirm, trotzdem zählt das Tor. Das ist schwer nachvollziehbar. Vor dem 2:0 gibt es ebenfalls eine heikle Szene gegen Stevanović: Bein stehen gelassen, Kontakt, Ballverlust, Gegentor. Vor dem 3:0 kommt der Stoss im Luftduell gegen Daschner dazu. Und in der zweiten Halbzeit trifft Zanotti Vandermersch mit dem Ellbogen im Gesicht. Ein Penalty wäre aus unserer Sicht fällig.


Die rote Karte gegen Pihlström ist dagegen klar. Gestrecktes Bein, hartes Einsteigen, keine Diskussion.


Unter dem Strich bleibt: Cibellis Linie ist sehr grosszügig, in zentralen Momenten schwer verständlich und für St.Gallen bitter. Mit solchen Entscheiden wird es nicht einfacher, aus einer Negativspirale herauszukommen. Aber die Augen davor zu verschliessen, was der FCSG selber abliefert, wäre zu billig. Der Schiedsrichter ist ein Thema. Die eigene Leistung ist das grössere.



Das Warum: Warum ist dieser FC St.Gallen, der so gut in die Saison gestartet ist, plötzlich derart ins Rutschen geraten? Warum wirkt eine Mannschaft, die vor wenigen Wochen noch mutig, verbunden, intensiv und klar war, nun phasenweise so leer, unsicher und schwerfällig? Nach dem Aus gegen Nordsjælland ist etwas gekippt. Vielleicht nicht alles. Vielleicht nicht in der Kabine. Vielleicht nicht in der Haltung. Aber auf dem Platz ist es sichtbar. Gegen Thun zu viele Geschenke. Gegen GC zu wenig Energie. Gegen Sion zu wenig Effizienz und zu einfache Gegentore. In Lugano nun eine erste Halbzeit, die weh tut.


Natürlich fehlt ein Lukas Görtler. Natürlich gibt es angeschlagene und zurückkehrende Spieler. Natürlich war die Mannschaft nach Europacup, englischen Wochen und Reisen überspielt. Aber irgendwann reicht diese Erklärung nicht mehr allein. Jetzt muss man genauer hinschauen.

Fehlt Marvin Compper stärker, als man zunächst dachte? Seit der Assistenztrainer den Club verlassen hat, ist es sportlich auffällig schlechter geworden. Das beweist noch keinen Zusammenhang. Aber die Frage darf gestellt werden.


Oder ist es schlicht diese Abwärtsspirale, die der Fussball so gut kennt? Erst fallen die Bälle nicht rein. Dann kassiert man zu einfache Tore. Dann wird der Kopf schwerer. Dann werden Pässe langsamer, Entscheidungen unsauberer, Zweikämpfe einen Tick später geführt. Und plötzlich sieht alles noch schlimmer aus, als es vielleicht eigentlich ist.


Vielleicht ist es von allem etwas. Sicher ist nur: Der FCSG muss diese Spirale stoppen. Schnell. In eigener Sache: Genau darüber müssen wir reden. Und wir tun das am Donnerstag, 24. September, ab 19 Uhr in der «Füferchetti» in der Fox-House-Bar im Revier-Hotel Säntispark. Während der Länderspielpause wollen wir gemeinsam einordnen, was gerade passiert, was fehlt, was noch trägt und wo die Hoffnung herkommen soll. Wir stellen eine illustre Runde zusammen und freuen uns, wenn möglichst viele den Weg zu uns ins Revier finden.


Denn ja: Es gibt viel zu besprechen. Sehr viel.

Lugano – St.Gallen 4:1 (4:0)


Tore: 4. Castro 1:0, 14. Pihlström 2:0, 28. Pihlström 3:0, 36. Karimov 4:0, 74. Hunziker 4:1.


L: Gebhardt; Papadopoulos, Mai, Bichsel; Karimov (46. Zanotti), Bislimi (82. Delcroix), Grgić, Dos Santos (68. Kendouci), Cimignani (82. Kelvin); Castro (55. Ajeti), Pihlström.


SG: Zigi; Kleine-Bekel, Stanić, Okoroji; Daschner (46. Fazliji), Ruiz (61. Owusu), Stevanović, Boukhalfa (46. Vandermersch), Witzig; Scherrer (46. Hunziker), Baldé (67. Besio).


Rote Karte: 47. Pihlström.


AIL Arena: 5’773 Zuschauerinnen und Zuschauer


Ref: Luca Cibelli




Stimme zum Spiel


Bild: Archiv Ton: James Wehrli

Text: Marc Baumeler

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