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Die Bank zündet

  • gruenweiss.sg
  • vor 2 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Der FC St.Gallen startet mit einem 2:1-Sieg gegen den FC Zürich in die neue Super-League-Saison. Nach einer zähen ersten Halbzeit und dem Rückstand kurz nach der Pause bringen die Einwechselspieler Tempo, Wucht und Überzeugung auf den Platz. Plötzlich brennt es im Zürcher Strafraum, plötzlich bebt das Berit Sitterstadion. Lukas Görtler gleicht aus, Andrin Hunziker trifft zum Sieg. Der Europacup-Kater ist damit nicht einfach ausgeschlafen. Er wird in der zweiten Halbzeit weggerannt.

Die Aufreger: Der grosse Aufreger dieses Spiels ist der Dreifachwechsel nach einer Stunde: Andrin Hunziker. Diego Besio. Enoch Owusu. Als sie kommen, verändert sich dieses Spiel. Plötzlich hat der FC St.Gallen mehr Tempo. Mehr Körper. Mehr Direktheit. Mehr Überzeugung. Die Zürcher Defensive, die in der ersten Halbzeit noch vieles kontrollieren kann, wird auf einmal gestresst. Die Räume werden enger, die Wege länger, die Zweikämpfe härter. Es beginnt zu brennen im Strafraum der Gäste. Enrico Maassen sagt nach dem Spiel, genau das sei der Plan gewesen: die Spieler von der Bank früh und in einem grösseren Block zu bringen. Und tatsächlich: Der Impuls sitzt.


Hunziker ersetzt Baldé. Besio kommt für Stevanović. Owusu ersetzt Vandermersch. Aus einem eher müden, etwas fahrigen St.Gallen wird ein druckvolleres, entschlosseneres St.Gallen. Eines, das die Partie an sich reisst. Eines, das nicht mehr nur reagiert, sondern den FCZ in die eigene Hälfte drückt.


Dass danach die Tore fallen, wirkt fast folgerichtig. Zuerst das 1:1 durch Lukas Görtler. Wieder ein Standard, wieder Gefahr, wieder Grünweiss mit dieser Fähigkeit, aus ruhenden Bällen Grosses zu machen. Görtler ist dort, wo er sein muss, und trifft. Dann, nur wenige Minuten später, das 2:1 durch Hunziker. Görtler bereitet vor, Hunziker vollendet. Der Joker trifft zum Sieg. Besser kann man einen Einstand kaum schreiben.

Der dritte Aufreger ist die Stimmung: Schon bevor der erste Ball in dieser Super-League-Saison gespielt wird, setzt die grünweisse Familie ein Zeichen. Der Fanmarsch von der Sitter ins Stadion, die Choreo, die Lautstärke, diese Energie: Das alles sorgt für einen Saisonauftakt, der stimmungsmässig grossartig ist. In der ersten Halbzeit passt das Spiel noch nicht ganz zu diesem Rahmen. In der zweiten dann schon.


Makel: Die erste Halbzeit ist ein klassisches Europacup-Katerspiel. Nach dem grossen europäischen Abend gegen Benfica Lissabon, nach all der Energie, all der Euphorie, all der Intensität vom Donnerstag, tut sich St.Gallen schwer. Die Beine wirken nicht immer frisch, der Kopf nicht immer klar, die Abläufe nicht immer sauber. Maassen nennt es nach dem Spiel deutlich: Die erste Halbzeit sei nicht gut genug gewesen. Die Angriffe seien nicht gut vorbereitet worden, man habe zu schnell vertikal gespielt, den Gegner nicht gut genug bewegt, zu viele fahrige Aktionen gehabt und zu viele Chancen zugelassen. Der FCZ ist in der ersten Halbzeit die wachere Mannschaft. Zürich hat Möglichkeiten, Zürich kommt besser in gefährliche Räume, Zürich wirkt einen Tick klarer. Schiedsrichter: Sven Wolfensberger diskutiert viel und gerne auf dem Platz. Das muss nicht grundsätzlich falsch sein. Kommunikation kann helfen. Aber an diesem Nachmittag wirkt es nicht immer überzeugend und auch nicht immer souverän. Manchmal entsteht eher der Eindruck, dass zu viel erklärt und zu wenig klar entschieden wird. Dazu kommen einige fragwürdige Entscheide. Die Gelbe Karte gegen Kény wirkt hart. Vor dem Zürcher Führungstor gibt es eine Szene, in der der Einwurf aus St.Galler Sicht falsch den Gästen zugesprochen wird. Solche Pfiffe entscheiden nicht allein ein Spiel, aber sie prägen den Eindruck. Wolfensberger ist nicht der Hauptaufreger dieses Nachmittags. Aber auch er hat Luft nach oben.

Skurril: Marcel Koller wird nach dem Spiel auf seine St.Galler Vergangenheit angesprochen. Der Meistertrainer von 2000 erzählt von den Bratwürsten, die man im Espenmoos noch auf dem Feld riechen konnte. Eine schöne Erinnerung — und eine gute Pointe. Spiele, bei denen die Wurst das Beste war, gab es in St.Gallen aber in beiden Stadien. Im Espenmoos genauso wie im heutigen Stadion, egal wie es gerade hiess oder heisst. Heute gilt das höchstens für die erste Halbzeit. Die nächste Woche: So startet man gerne in eine neue Saison. Zwei Heimspiele. Zwei komplizierte Gegner. Zwei Heimsiege! Gross geht es nun auch weiter. Am Donnerstag wartet in Lissabon das Rückspiel gegen Benfica. Die Espen reisen mit einem Vorsprung an, aber auch mit dem Wissen, dass dort noch einmal eine ganz andere Aufgabe wartet. Und trotzdem: Dieser Start ist gelungen.

St.Gallen – Zürich 2:1 (0:0)


Tore: 50. Emmanuel 0:1, 70. Görtler 1:1, 74. Hunziker 2:1.


SG: Zigi; Gaal, Stanić, Okoroji; Vandermersch (61. Owusu), Görtler (79. Konietzke), Daschner, Frokaj, Stevanović (61. Besio); Witzig (90. Ruiz), Baldé (60. Hunziker).


Z: Lindner; Hodza, Kamberi, Sauter (81. Hack), Volken; Schödler (83. Ramić), Berisha (75. M. Reichmuth); Krasniqi (75. Spadanuda), Comenencia (75. Bangoura), Emmanuel; Kény.


Berit Sitterstadion: 19’326 Fans (ausverkauft)


REF: Sven Wolfensberger


Einzelkritik:

Zigi: Beim Gegentor schuld- und machtlos. Ansonsten mit einigen starken schnellen Pässen von hinten raus. In Halbzeit zwei zwickts ihn im Oberschenkel. Fraglich, ob ein Einsatz am Donnerstag möglich ist.


Gaal: Lässt sich beim Gegentor ziemlich einfach austanzen und kann Umeh Emmanuel nichts entgegensetzen. Auch er wirkt angeschlagen. Auch für ihn könnte es bezüglich Lissabon eng werden.


Stanić: Kény ist heute sein äusserst unangenehmer Gegenspieler. Stanić bleibt trotzdem mehrheitlich Sieger in den Duellen. Kein einfacher Nachmittag, aber einer, den er mit viel Präsenz und Widerstandskraft besteht.


Okoroji: Spult sein Programm pflichtbewusst ab und wirkt stabil wie eh und je. Nicht spektakulär, aber zuverlässig, klar und aufmerksam. Genau das, was diese Dreierkette braucht.


Vandermersch: Fleissig, aber oft auch glücklos. Auch er sieht beim Gegentor nicht besonders gut aus. Arbeitet viel, findet aber nicht immer die sauberste Lösung.


Daschner: Zeigt von Beginn an eine ansprechende Leistung. Zweites intensives und starkes Spiel innert weniger Tage. Ist ein klarer Leader auf der Sechserposition, ballsicher, ruhig und mit guter Übersicht.


Stevanović: Ist viel unterwegs, erobert Bälle und macht wenig Fehler. Defensiv wertvoll auf der Schiene. Offensiv setzt er heute keine grossen Akzente.


Frokaj: Gutes Startelf-Debüt. Ballsicher, mit Übersicht und sehr engagiert. Wirkt nicht wie einer, der zufällig in dieser Startelf steht. Das war ein Auftritt, auf dem sich aufbauen lässt.


Görtler: Man of the Match. Tut sich zunächst schwer, ist nach dem Gegentor und besonders nach den Einwechslungen aber entscheidend. Mit seinem Tor zum 1:1 und seinem Assist zum 2:1 dreht er dieses Spiel mit. Chapeau!


Witzig: Startet im Sturm und spielt ab der 61. Minute im linken Mittelfeld. Dort ist er wesentlich einflussreicher. Mit mehr Verbindung zum Spiel und mehr Feld vor sich kann er heute seine Stärken besser einbringen.


Baldé: Nach dem Sahneauftritt am Donnerstag heute mit mässigem Erfolg. Es gelingt ihm insgesamt wenig. Sucht zwar Wege und Aktionen, bleibt aber zu oft hängen.


Owusu: Richtig erfrischend! Bringt nach seiner Einwechslung sehr viel Zug über die rechte Seite, erobert Bälle, gewinnt Zweikämpfe, holt Freistösse heraus und ist ein Gewinn. Mit ihm kommt sofort mehr Dynamik ins St.Galler Spiel.


Hunziker: Ist mitverantwortlich für den Umschwung. Mit ihm kommen Durchsetzungskraft und Wucht in den St.Galler Sturm. Trifft zum ersten Mal für Grünweiss. Chapeau.


Besio: Steht Hunziker kaum in etwas nach. Auch er bringt Energie, Körperlichkeit und Zug ins Spiel. Er ist Teil der heutigen Erzählung: Maassen hat den Sieg eingewechselt.


Konietzke und Ruiz: Kommen beim Stand von 2:1 aufs Feld und helfen mit, die drei Punkte zu sichern.




Bilder zum Spiel


Bild: Franz Schefer Ton, Text: Marc Baumeler

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