Debakel abgewendet und trotzdem verloren
- gruenweiss.sg
- vor 4 Stunden
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Der FC St.Gallen verliert zuhause gegen den FC Thun mit 3:4. Nach 58 Minuten steht es vor über 18'000 Fans schon 1:4. Vieles riecht nach Debakel, nach Kater, nach einem dieser Nachmittage, die man möglichst schnell aus dem Gedächtnis löschen möchte. Dann aber kommen die Espen doch noch zurück. Spät. Wild. Mit Wucht. Aus einem 1:4 wird beinahe noch ein 4:4. Dass der Ausgleich nicht mehr fällt, ist trotzdem korrekt. Wer so lange so spielt, hat keine Punkte verdient.

Aufreger: Der grosse Aufreger ist die Schlussphase. Plötzlich ist er wieder da, dieser FC St.Gallen, den man in den letzten Monaten oft gesehen hat. Verbunden. Intensiv. Hartnäckig. Mit Energie. Mit Druck. Mit dem Glauben, dass ein Spiel erst vorbei ist, wenn wirklich niemand mehr laufen kann.
Nach 75 Minuten trifft Nevio Scherrer zum 2:4. Ein schöner Moment für ihn, ein wichtiges Tor für das Stadion, ein erstes Flackern in einem Nachmittag, der zuvor ziemlich dunkel war. Und als Lukas Daschner in der 90. Minute das 3:4 erzielt, bebt das Berit Sitterstadion doch noch einmal. Plötzlich ist alles möglich. Plötzlich riecht es nach diesem komplett absurden Punktgewinn. Plötzlich werfen die Espen alles nach vorne.
Zigi geht mit. Die Bälle fliegen. Thun wackelt. St.Gallen drückt. Aber der Ausgleich fällt nicht. Und ja, das ist am Ende auch richtig so. Weil der FCSG viel zu spät beginnt, so zu spielen, wie es gegen jeden Gegner in dieser Liga nötig ist. Mit Entschlossenheit. Mit Konzentration. Mit Körper. Mit Ernsthaftigkeit. Mit Verbindung zwischen den Spielern. Die letzten 20 Minuten verhindern das Debakel.
Sie verdienen aber offensichtlich keine Punkte.

Makel: Der FC St.Gallen startet ohne die nötige Intensität in dieses Spiel. Zu wenig Zugriff, zu wenig Biss, zu wenig Präsenz in den Zweikämpfen. Dazu kommen grobe Fehler im Defensivverhalten, die man in dieser Häufung von dieser Mannschaft so eigentlich nicht kennt. Thun muss nicht einmal besonders brillant sein, um Tore zu erzielen. Thun muss vor allem bereit sein, die Geschenke anzunehmen. Und das macht der Meister gnadenlos. Bis zum 3:1 schiesst Thun dreimal aufs Tor. Dreimal. Und dreimal liegt der Ball drin. Das ist brutal effizient, klar. Aber nicht nur! Es ist auch eine Kritk an den FCSG. Es hat nicht ausschliesslich mit gegnerischer Qualität zu tun – sondern auch viel mit zu grossen Abständen und zu vielen schlechten Entscheidungen im Defensivverhalten.
Woran liegt das?
Das bleibt die grosse Frage. Und wirklich beantworten kann sie nach dem Spiel niemand. Ist St.Gallen überrascht, dass Thun doch nicht so einfach zu bespielen ist, wie es die Resultate der letzten Wochen vielleicht vermuten lassen? Ist man überrascht, dass dieser Gegner unangenehm bleibt, körperlich dagegenhält, auf zweite Bälle geht und plötzlich mit einer fast schon trotzigen Meister-Energie auftritt? Trotz kapitalen Niederlagen in den vergangenen Wochen? Oder steckt das Europacup-Aus gegen Nordsjælland noch zu tief in den Knochen? Mental. Physisch. Emotional. Diese Partie vom Donnerstag, dieses verpasste Ziel, diese rote Karte, diese Leere danach. Vielleicht ist da doch mehr hängen geblieben, als man sich eingestehen wollte. Wir wissen es nicht.
Klar ist nur: Wer mit diesem «Larifari», wie Lukas Görtler es nennt, in ein Super-League-Spiel startet, bekommt gegen jeden Gegner Probleme. Gegen Thun besonders, weil die Berner Oberländer heute zwar nicht überragend spielen, aber vor dem Tor eiskalt sind. Die ersten beiden Gegentore sind St.Galler Geschenke. Und auch bei den Nummern drei und vier ist die Gegenwehr zu wenig gross. «Zu krasse Fehler!» Um auch Trainer Maassen noch zu zitieren. Schiedsrichter: Luca Piccolo hat keinen guten Nachmittag. Und ja, das ist freundlich formuliert.
Besonders kurz vor der Pause wird es skurril. Thun-Goalie Steffen lässt sich beim Abstoss sehr viel Zeit. Piccolo zeigt ihm Gelb wegen Zeitspiels, anstatt den Fünf-Sekunden-Countdown sichtbar anzuzählen. Nach neuer Regel wäre die Konsequenz eigentlich klar: Corner für St.Gallen. Nur läuft das Spiel zunächst weiter. Erst beim nächsten Unterbruch will Piccolo offenbar korrigieren und doch noch auf Eckball entscheiden. Dann aber wieder nicht. Es wird diskutiert, protestiert, zurückgenommen. Am Ende bleibt vor allem der Eindruck, dass der Schiedsrichter seiner eigenen Entscheidung hinterherrennt und zusehends den Überblick verliert.
Auch die Nachspielzeit ist schwierig. Fünf Minuten sind bei dieser zweiten Halbzeit schlicht zu wenig. Da fallen sechs Tore, es gibt Wechsel, Diskussionen, Unterbrüche, Zeitspiel. Piccolo lässt dann zwar am Ende sieben Minuten spielen, aber auch das wirkt nicht wie souveräne Spielleitung, sondern wie eine nachträgliche Korrektur, nachdem sich St.Gallen heftig beschwert und Thun auch in der Nachspielzeit nochmals ordentlich Zeit von der Uhr nimmt.
Das ist unsouverän.
Aber. Und dieses Aber ist wichtig. Wir halten es am besten mit Mehmet Scholl: «Was sollen wir uns über den Schiedsrichter aufregen? Wir waren auch nicht besser», sagte er einst nach einer der wenigen Niederlagen des FC Bayern.

Was bleibt? Ein komischer Nachmittag. Einerseits verliert St.Gallen zum ersten Mal in dieser Meisterschaft. Andererseits zeigt die Mannschaft in den letzten 20 Minuten, dass sie sich nicht einfach ergibt. Das ist gut. Das ist wichtig. Das ist vielleicht sogar die einzige wirklich positive Nachricht dieses Spiels.
Aber es reicht nicht, einfach ein Debakel abzuwenden. Man sollte besser verhindern, dass es überhaupt entsteht. Und genau das schafft der FCSG heute nicht. Nach dem Europacup-Aus wäre dieses Spiel die Möglichkeit gewesen, sofort ein Zeichen zu setzen. Volle Konzentration auf die Meisterschaft. Volle Kraft auf die nationalen Ziele. Stattdessen gibt es einen Nachmittag voller Fehler, schwerer Beine, unklarer Köpfe und einer Aufholjagd, die zu spät kommt.
Jetzt geht es am Mittwoch bei GC weiter. Und dort braucht es wieder den anderen FC St.Gallen.
Den wachen. Den verbundenen. Den intensiven. Den ohne Larifari.

St.Gallen – Thun 3:4 (0:1)
Berit Sitterstadion: 18’100 Zuschauerinnen und Zuschauer
Tore: 9. Labeau 0:1, 46. Reichmuth 0:2, 48. Frokaj 1:2, 52. Labeau 1:3, 58. Dursun 1:4, 75. Scherrer 2:4, 90. Daschner 3:4.
SG: Zigi; Ruiz, Stanić (67. Kleine-Bekel), Okoroji; Stevanović (67. Owusu), Vandermersch (79. Konietzke), Görtler, Daschner, Witzig (67. Scherrer); Besio (46. Frokaj), Baldé.
T: Steffen; Fehr, Bamert, Bürgy, Bürki (79. Passavant); Reichmuth (72. Maier), Saiz, Roth (79. Käit), Strannegård; Labeau (72. Braschi), Dursun (61. Lengen).
Ref: Luca Piccolo

Einzelkritik
Zigi: Heute sitzt jeder Schuss. Leider. Das vierte Tor verhindert er an guten Tagen. An sehr guten auch das erste. Übermässige Schuld an der Niederlage trägt er nicht.
Ruiz: Zeigt sich gewohnt bissig und aufmerksam, noch einer der besseren St.Galler.
Stanic: Irgendetwas ist da mit seiner Ausstrahlung. Er wirkt introvertierter als üblich. Ist Teil oder gar Chef einer aktuell zu löchrigen Abwehr. Interessante Szene nach rund einer halben Stunde: Nach einem Zweikampf bleibt er liegen, Maassen fackelt nicht lange, ruft Kleine-Bekel umgehend zum Einwechseln her. Erzieht da grad ein Trainer seinen Abwehrchef? Stanic kommt nochmals aufs Feld und wird erst später ersetzt.
Okoroji: Zieht nach unzähligen Sahnetagen einen rabenschwarzen Nachmittag ein. Das erste Gegentor schenkt er mit einem fehlerhaften Rückpass her. Bei den anderen hat er ebenfalls entscheidenden Einfluss. Immerhin ermöglicht er mit einer Flanke Scherrers Tor. Trotzdem: die nächsten zwei Tage in den Küchendienst.
Stevanovic: Bleibt als Sechser unauffällig und vielleicht ist das an diesem Nachmittag gar nicht mal so toll. Physische und spielerische Präsenz wären da wichtig gewesen. Hat vielleicht noch an seinem Schwalben-Gate vom Donnerstag zu kauen.
Görtler: Vor dem Spiel geehrt für 250 Spiele für den FCSG! Das passende Resultat dazu ergab sich leider nicht. Seine Leistung fällt einmal mehr nicht unter ein gewisses Niveau. Er unternimmt bis zum Schluss alles, um den einen Punkt noch zu holen.
Daschner: Spielt auf der Acht. Ist in der Schlussphase voll dabei, erzielt das 3:4 und hat gar den Ausgleich auf dem Fuss. Was vorher war, hat aber schon auch mit ihm zu tun. Da ist zu wenig Umsicht und Defensivgewissen, zu viele verlorene Zweikämpfe.
Vandermersch: Wenig Auffälliges. Einmal mit einem Abschluss aus guter Position. Owusu konnte auf seiner Position nochmals einen draufsetzen.
Witzig: Alkmaar wird es nicht. Nicht auszuschliessen, dass aber doch noch was geht. Zeigt eine ordentliche Partie mit zwei, drei guten Offensivszenen. Umstossen vermag er den Bock in seiner Einsatzzeit allerdings nicht.
Besio: Wenig eingebunden, zu kleiner Aktionsradius, zu wenig Einfluss. Muss zur Pause raus.
Baldé: Bereitet Frokajs Anschlusstor mit einer originellen Einzelleistung vor. Ist gewohnt aktiv.
Frokaj: Sollte immer dann auf dem Platz stehen, wenn eine Aufholjagd ansteht und der Gegner tief verteidigt. Ist technisch versiert, kreativ, dribbelt auch erfolgreich. Und: er will Tore schiessen. Heute gelingt ihm der Anschlusstreffer zum 1:2.
Scherrer: Kommt gut ins Spiel. Hat Klarheit in seinem Spiel. Gute Laufwege, Bewegungen rückwärts ins Zentrum, um Bälle abzuholen. Gute Ballbehandlung, sauberer Kopfball beim Treffer. Weiter so!
Kleine-Bekel: Hat in seiner halbstündigen Einsatzzeit kaum defensive Herausforderungen. Hat alles im Griff und könnte sich demnächst in die Stammelf spielen.
Owusu: Auch er lebt sich schnell gut ein. Bringt frische Luft und (Schaffens-) Kraft, bereitet mit seinem abgefälschten Fernschuss Daschners Tor vor.
Bild: Manuel Eichmann Ton: Marc Baumeler
Text: Marc Baumeler, James Wehrli

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