Chapeau, FC St.Gallen
- gruenweiss.sg
- vor 7 Stunden
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Der FC St.Gallen schlägt Benfica Lissabon im Hinspiel der Europa-League-Qualifikation mit 2:1. Ja, genau: Benfica. Lissabon. 2:1. Was vor dem Spiel wie eine sehr grosse europäische Aufgabe aussah, wird im Berit Sitterstadion zu einem dieser Abende, an denen Grünweiss zeigt, wie unangenehm, mutig und konsequent diese Mannschaft sein kann. Aliou Baldé trifft traumhaft, Tom Gaal entscheidet die Partie, und am Ende steht ein Resultat auf der Anzeigetafel, mit dem kaum jemand gerechnet hat. Schon gar nicht die Portugiesen.

Die Aufreger: Es gibt Abende, an denen man zuerst tief durchatmen muss, bevor man mit der Einordnung beginnt. Dieser gehört dazu. Der FC St.Gallen besiegt Benfica Lissabon mit 2:1. Nicht in einem Testspiel. Nicht in einer Sommernachtsfantasie. Sondern in der Qualifikation zur Europa League. Gegen einen grossen Namen. Gegen eine Mannschaft mit individueller Qualität europäischer Erfahrung und einer unglaublich grossen Fanbasis. Benfica hat über 400’000 Mitglieder und gehört damit zusammen mit Bayern München zu den grössten Mitgliederclubs der Welt.
Und trotzdem ist es der FCSG, der diesen Abend prägt. Der erste grosse Aufreger ist das 1:0 durch Aliou Baldé. Aus spitzem Winkel schlenzt er den Ball an Anatoliy Trubin vorbei ins weite Eck. Ein Tor, das nicht einfach schön ist, sondern eigentlich kurz eingerahmt werden müsste. Technisch fein, frech, entschlossen, mit diesem kleinen Hauch von Wahnsinn, den es gegen solche Gegner manchmal braucht. Eine Augenweide. Der zweite Aufreger ist das 2:1 durch Tom Gaal. Weil es spät fällt. Weil es den Sieg sichert. Und weil es zeigt, dass die Standardstärke der Ostschweizer offenbar nicht im Cupsommer liegen geblieben ist. Der FCSG bleibt auch in der neuen Saison gefährlich, wenn der Ball ruht.
Der dritte Aufreger ist vielleicht der wichtigste: Der FC St.Gallen hat zu keinem Zeitpunkt Angst.
Nicht vor Benfica. Nicht vor dem Namen. Nicht vor der individuellen Klasse. Nicht nach dem schnellen Ausgleich kurz vor der Pause. Nicht in jenen Phasen, in denen die Portugiesen den Ball laufen lassen und das Spiel an sich ziehen wollen.
Die Espen ziehen ihr Spiel durch. Gnadenlos. Mutig. Unangenehm. Sie bleiben in den Zweikämpfen, bleiben in den Abläufen, bleiben in der Haltung. Auch gegen Benfica ist dieser FCSG ein Gegner, auf den niemand wirklich Lust hat. Grossartig. Chapeau. Der Makel: Hallo? Nach einem 2:1-Sieg gegen Benfica Lissabon geziemt es sich eigentlich nicht, über Makel zu schreiben. Wenn man unbedingt etwas finden will, dann vielleicht das Gegentor. Es fällt schnell nach der St.Galler Führung, kurz vor der Pause, und es fällt nach Fehlern, die man gegen eine Mannschaft wie Benfica kaum machen darf. Rafa nimmt das Geschenk an, Benfica gleicht aus, und plötzlich ist dieses Spiel wieder offen.
Aber ehrlich: geschenkt.
Am Schluss steht ein 2:1 auf der Anzeigetafel. Gegen Benfica. In Europa. In St.Gallen. An einem Abend, an dem dieser Club wieder einmal gezeigt hat, dass er mehr sein kann als die Summe seiner Einzelteile. Das Gegentor darf Enrico Maassen intern analysieren. Wir schauen heute lieber noch einmal auf Baldés Schlenzer und Gaals Kopfball.

Schiedsrichter: Der Italiener Luca Pairetto liefert einen Abend mit Licht und Schatten. Positiv: Er fällt nicht auf jede Schauspieleinlage herein. Pairetto sieht vieles gut und lässt sich nicht einwickeln. Das ist angenehm. Weniger überzeugend ist seine Linie bei den Gelben Karten. Die wirkt über weite Strecken ziemlich wirr. Mal gibt es Gelb, mal nicht, mal spät, mal früh, mal versteht man die Gewichtung, mal eher nicht. Immerhin korrigiert er die falsche Verwarnung gegen Daschner wieder. Das ist richtig — und angesichts der neuen Möglichkeiten rund um offensichtliche Fehler bei Verwarnungen auch wichtig.
Skurril: Gegen Ende der Partie erlebt das Berit Sitterstadion noch eine Szene, die man so auch erst einmal verdauen muss. Stanić und Görtler müssen sich gleichzeitig pflegen lassen. Und weil die neue Regel vorsieht, dass behandelte Spieler nach Wiederaufnahme des Spiels grundsätzlich eine Minute draussen bleiben müssen, spielt der FC St.Gallen kurzzeitig mit neun gegen elf. Neun gegen elf. Gegen Benfica. In der Schlussphase. Das ist fussballerisch ungefähr so angenehm wie Zahnarzttermin am Montagmorgen. Aber auch diese Minute übersteht der FCSG. Irgendwie. Mit allem, was noch da ist. Mit Beinen, Köpfen, Lungen, Publikum, Glück und Wille. Ob diese Regel dem Spiel wirklich hilft, wird man noch sehen. Sie soll Zeitspiel verhindern und den Spielfluss verbessern. Verständlich. Aber wenn zwei Spieler einer Mannschaft gleichzeitig behandelt werden müssen, entsteht plötzlich eine ziemlich absurde Situation. Für den Moment bleibt: Auch diese Skurrilität hat St.Gallen überstanden.
Und jetzt? So schön dieser Abend ist: Er ist erst der Anfang. Am Sonntag wartet der FC Zürich. Der Saisonstart in der Super League. Wieder zu Hause. Wieder im Berit Sitterstadion. Und wenn dieser Auftakt in die neue Saison wirklich grandios werden soll, braucht es auch gegen den FCZ einen überzeugenden Auftritt. Die Frage ist spannend: Mit welcher Mannschaft geht Enrico Maassen dieses Spiel an? Wer erholt sich schnell genug? Wer bekommt eine Pause? Wer darf nach diesem Europacupabend gleich wieder ran? Und wie viel von dieser Energie gegen Benfica lässt sich in die Meisterschaft mitnehmen? Wir sind gespannt. Sehr sogar. Denn dieser FC St.Gallen hat gegen Benfica nicht nur gewonnen. Er hat eine Botschaft gesendet: Die neue Saison ist da. Europa ist da. Grünweiss ist da.

St.Gallen – Benfica 2:1 (1:1)
Berit Sitterstadion: 17'178 Fans (ausverkauft)
Tore: 37. Baldé 1:0, 44. Rafa 1:1, 80. Gaal 2:1.
SG: Zigi; Gaal, Stanić (93. Ruiz), Okoroji, Vandermersch; Daschner (72. Frokaj), Stevanović; Görtler, Boukhalfa, Witzig (72. Hunziker); Baldé (72. Besio).
BL: Trubin; Bah, Lenglet, Silva, Dahl; Manu (84. Rego), Kaminski (66. Gouveia); Figueiredo (66. Barrenechea), Sudakov, Rafa; Pavlidis (76. Ivanović).
Ref: Luca Pairetto (ITA)

Einzelkritik Zigi: Muss erst in der zweiten Halbzeit richtig eingreifen. Macht es dann souverän. Ruhig, konzentriert, da, wenn es nötig wird.
Gaal: Erzielt das entscheidende 2:1. Chapeau! Defensiv gefordert, offensiv entscheidend. Viel mehr kann man von einem Europacupabend kaum verlangen.
Stanić: Nächster bärenstarker Auftritt im Zentrum der Abwehr. Muss am Schluss angeschlagen raus, vorher mit viel Präsenz und Körperlichkeit. Gute Besserung.
Okoroji: Stabil, aufmerksam, mit vielen guten Momenten gegen den Ball. Gegen Benfica ist das nie gemütlich, aber er bleibt in vielen Situationen klar, setzt sein Tempo hervorragend ein und zeigt eine richtig gute Partie.
Vandermersch: Arbeitet seine Seite hoch und runter. Nicht immer spektakulär, aber enorm wichtig für die Balance dieses Spiels.
Daschner: Bereitet das 2:1 vor und ist immer wieder zwischen den Linien anspielbar. Ist einer der besten auf dem Platz. Chapeau!

Stevanović: Enno Maassen scheint auf der linken Schine die perfekte Position für ihn gefunden zu haben. Sein Auftritt überzeugt über neunzig Minuten und nicht nur, als er vor dem 1:0 den entscheidenden Ball erobert. Chapeau.
Görtler: Der Captain setzt das um, was er an der Medienkonferenz vor dem Spiel versprochen hat. Er wirft alles rein und ist mitentscheidend dafür verantwortlich, dass er anschliessend von der besten Halbzeit seit seiner Zeit in der Ostschweiz berichten kann.
Boukhalfa: Auch er bringt sich immer wieder gut ins Spiel ein. Vergibt in der ersten Halbzeit eine gute Kopfballchance. Nach 72 MInuten macht er Platz für Frokaj.
Witzig: Immer wieder mit Ideen, Bewegungen und kleinen Momenten, die das Spiel öffnen können. Muss nach 72 Minuten raus.

Baldé: Sein Tor ist der Moment des Abends. Aus spitzem Winkel, mit Gefühl, mit Überzeugung. Ein Treffer, der bleibt.
Frokaj, Hunziker, Besio: Kommen alle in der 72. Minute auf den Platz und überzeugen mit viel Wille, Durchsetzungskraft und mutigen Auftritten.
Ruiz: Kurze Einsatzzeit, aber in einer heiklen Schlussphase dabei. Auch das zählt an einem solchen Abend.
STIMMEN ZUM SPIEL
Bilder zum Spiel
Bild: Franz Schefer
Ton: James Wehrli
Text: Marc Baumeler































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