Boukhalfa kann auch Stürmer
Der FC St.Gallen reagiert auf die Niederlage in Bern und schlägt Servette mit 2:1. Carlo Boukhalfa trifft als Sturmspitze früh und wunderschön, Lukas Görtler erhöht per Penalty. Danach wird es nochmals unnötig spannend. Spielerisch ist längst nicht alles gut, aber Grünweiss kämpft, findet in der zweiten Halbzeit besseren Zugriff und schlägt ein Servette, das vier seiner letzten fünf Meisterschaftsspiele gewonnen hatte. Ein wichtiger Heimsieg.

Die Aufreger: Carlo Boukhalfa als Stürmer. Enno Maassen hat schon öfter erwähnt, dass Carlo das kann. Heute folgt der Beweis. Maassen verzichtet zu Beginn auf Andrin Hunziker und stellt Boukhalfa neben Aliou Baldé in den Angriff. Sechs Minuten später sieht die Idee ziemlich gut aus. Chima Okoroji bringt den Ball von links in den Strafraum, Boukhalfa hat den Rücken zum Tor und lenkt die Flanke mit dem Aussenrist herrlich ins Netz. 1:0. Chapeau!
Und Boukhalfa beschränkt sich nicht auf diesen einen Moment. Er arbeitet, hält dagegen, taucht immer wieder in gefährlichen Räumen auf und zeigt einen richtig starken Auftritt. Nach einer von Verletzungen geprägten Vorbereitung und einem schwierigen Saisonstart ist das ein sehr gutes Zeichen.
Der zweite Aufreger folgt nach gut einer Stunde. Die Einwechslungen von Betim Fazliji und Joel Ruiz bringen Schwung. Fazliji zwingt Gertmonas mit einem unangenehmen Aufsetzer zur Parade, kurz darauf schleudert Ruiz einen Einwurf weit in den Strafraum. Mazikou geht mit der Hand zum Ball. Penalty. Görtler. 2:0. Neunter verwandelter Elfmeter in Serie für den Captain. Ebenfalls: Chapeau!

Der Makel: Der Sieg ist wichtig. Das Spiel ist trotzdem nicht durchgehend gut. Vor allem in der ersten Halbzeit fehlt dem St.Galler Offensivspiel über längere Phasen die Verbindung. Der Ball wird zu häufig früh und hoch nach vorne gespielt, dort aber nicht festgemacht. Dadurch kann die Mannschaft nicht nachrücken, zweite Bälle gehen verloren und Servette kommt immer wieder ins Umschalten. Genau das spricht Maassen nach dem Spiel an. Und es ist ziemlich gut zu sehen.
Nach dem frühen 1:0 entsteht zunächst Hoffnung auf einen richtig starken Auftritt. Stattdessen wird die Partie zerfahrener. Viele Zweikämpfe, viele Ballverluste, wenig längere St.Galler Ballbesitzphasen. Servette ist gefährlich genug, um Grünweiss mehrfach daran zu erinnern, dass dieses Spiel noch lange nicht entschieden ist.
Nach der Pause wird es besser. Hunziker kommt, später Fazliji und Ruiz – und plötzlich gelingt es St.Gallen häufiger, das Spiel in die gegnerische Hälfte zu verlagern. Das 2:0 ist die Folge einer Phase, in der der FCSG wieder mehr Kontrolle entwickelt. Dass es trotzdem noch einmal eng wird, ist unnötig. Beim 2:1 in der 82. Minute reagiert die St.Galler Defensive auf den langen Ball zu spät, Karlsson wird vergessen und trifft stark. Danach wird gelitten. Servette drückt, St.Gallen verteidigt mit allem, was da ist. Schön ist das nicht mehr. Aber es reicht. Und ja. Auch das ist eine Qualität.

Der Schiedsrichter: Mirel Turkes hat einen sehr guten Abend. Er lässt sich auch von der zunehmenden Intensität und den vielen Zweikämpfen nicht aus der Ruhe bringen und liegt bei den entscheidenden Szenen richtig: Das Handspiel von Mazikou ist klar, der Penalty folgerichtig. Kein grosses Theater, keine seltsame Linie, keine Szene, über die man noch drei Tage diskutieren muss.
Chapeau!
Abseits: «St.Galle min Schatz.» Der Espenblock liefert vor dem Spiel passend zu Halloween eine eindrückliche Herr-der-Ringe-Choreo. Gollum hält seinen Schatz, «1879» leuchtet aus der Kurve.
Fussballerisch ist danach nicht alles Gold. Optisch schon.
Demnächst: Am kommenden Sonntag wartet im Berit Sitterstadion der nächste richtig grosse Test: Leader Lugano kommt nach St.Gallen. Damit gibt es ziemlich schnell die Gelegenheit zu überprüfen, wie viel dieser Sieg gegen Servette wert ist. Die Tessiner gehören bislang zusammen mit YB zu den stärksten Mannschaften dieser Saison. Und ganz nebenbei wissen wir inzwischen: Anfang Dezember kommt Lugano nochmals. Dann im Cup. Langweilig wird es also nicht.

FCSG - Servette 2:1 (1:0)
Tore: 6. Boukhalfa 1:0, 65. Görtler 2:0 Penalty, 82. Karlsson 2:1.
SG: Zigi; Gaal, Stanić, Heydari (59. Ruiz); Stevanović; Vandermersch, Görtler (89. Kleine-Bekel), Daschner (59. Fazliji), Okoroji; Boukhalfa (75. Scherrer), Baldé (46. Hunziker).
SFC: Gertmonas; Mendes (78. Maceiras), Rouiller, Burch, Mazikou; Naressi, Simo (77. Douline); Lambourde, Lopes (69. Njoḥ), Karlsson; Mutandwa (10. Ouattara, 69. Mráz).
Berit Sitterstadion: 16’523 Zuschauerinnen und Zuschauer
Ref: Mirel Turkes

Einzelkritik
Zigi: Ist da, wenn er gebraucht wird. Vor allem gegen Karlsson muss er in der ersten Halbzeit eingreifen. Beim Anschlusstreffer ohne Chance.
Gaal: Wieder ein stabiler Auftritt. Ruhig, zweikampfstark und aufmerksam. Die Defensive wirkt mit
ihm weiterhin deutlich gefestigter.
Stanić: Hat viel Arbeit und löst vieles konsequent. Servette bringt Tempo und flinke Offensivspieler mit, Stanić hält dagegen.
Heydari: Der 19-Jährige steht erneut in der Startelf und macht seine Sache wieder gut. Aufmerksam, abgeklärt und ohne Scheu. Nach knapp einer Stunde ist Schluss.
Stevanović: Arbeitet viel gegen den Ball und hilft mit, das Zentrum zu schliessen. Zweikampfstark, viel Balleroberung, gute Übersicht. Richtig starke Auftritt.
Vandermersch: Läuft und arbeitet wie gewohnt enorm viel. In einem zweikampfintensiven Spiel mit einer soliden Leistung. Auf der linken Seite ist er heute besser als auf rechts.
Görtler: Übernimmt wieder Verantwortung und verwandelt den Penalty souverän. Treibt das St.Galler Spiel wie gewohnt an, nimmt Mitspieler und Publikum mit. Grossartig.
Daschner: Nicht sein auffälligster Abend. Findet gegen das kompakte Servette nicht immer die Räume, die er gerne hätte. Macht nach knapp einer Stunde Platz für Fazliji.
Okoroji: Bereitet mit einer richtig guten Flanke das 1:0 vor und hat auch defensiv wichtige Szenen. Ein starker Auftritt auf der linken Schiene und während der letzten halben Stunde in der Dreierkette.
Boukhalfa: Mann des Abends. Als Sturmspitze aufgestellt, erzielt er ein wunderschönes Tor und macht danach auch sonst vieles richtig. Viel Präsenz, viel Arbeit, immer wieder gefährlich. Chapeau.
Baldé: Findet kaum ins Spiel. Kann zu wenig Bälle festmachen und bleibt glücklos. Zur Pause ist Schluss.

Hunziker: Kommt zur zweiten Halbzeit und gibt dem St.Galler Angriff mehr physische Präsenz.
Fazliji: Starker Teileinsatz. Bringt Energie ins Zentrum und zwingt Gertmonas mit einem unangenehmen Abschluss zur Parade. Die Aktion führt indirekt zum Penalty.
Ruiz: Ebenfalls ein ordentlicher Teileinsatz. Sein langer Einwurf führt zum Handspiel und damit zum 2:0. Auch sonst mit Energie nach vorne auf der rechten Seite. Defensiv wird es nach seiner Einwechslung etwas zu oft brenzlig über seine Seite.
Scherrer: Kommt für die Schlussphase und arbeitet gegen den Ball mit. Wenig Möglichkeiten, sich offensiv auszuzeichnen.
Kleine-Bekel: Kommt in den letzten Minuten, als es nur noch darum geht, den Vorsprung zu verteidigen. Hilft mit, dass das gelingt.
Bilder zum Spiel
Bild: Franz Schefer Ton: Ralph Weibel Text: Marc Baumeler

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