Auf dem Zahnfleisch zum nächsten Sieg
- gruenweiss.sg
- vor 7 Stunden
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Der FC St.Gallen gewinnt beim FC Vaduz mit 3:2 und dreht damit schon wieder ein Spiel. Schön ist längst nicht alles an diesem heissen Nachmittag im Rheinpark Stadion. Defensiv lässt Grünweiss viel zu viel zu, personell wirkt der FCSG arg strapaziert, und zwischen Benfica, FCZ, Benfica, Vaduz und der bevorstehenden Reise nach Moldawien ist kaum Zeit zum Atmen. Aber am Ende steht der zweite Sieg im zweiten Super-League-Spiel. Und wieder macht die Bank den Unterschied. Diesmal heisst der Matchwinner Enoch Owusu.

Die Geschichte des Spiels: Schon wieder dreht der FC St.Gallen ein Spiel. Nach dem 2:1 gegen den FC Zürich vor Wochenfrist gelingt den Espen auch in Vaduz ein Comeback. Und wieder ist es nicht einfach eine schöne Randnotiz, sondern die zentrale Geschichte dieses Nachmittags. St.Gallen führt früh, fällt dann zurück, wirkt phasenweise angeschlagen — und findet trotzdem einen Weg.
Das 0:1 fällt schon in der ersten Minute. Aliou Baldé profitiert von einem kapitalen Fehler des Vaduzer Torhüters und trifft früh. Wer danach auf einen ruhigen St.Galler Nachmittag hofft, wird schnell enttäuscht. Vaduz kommt zurück, erst durch Monsberger, später durch Cabrera. Plötzlich liegt der FCSG 1:2 hinten.
Und dann kommt Enoch Owusu. In der 72. Minute wird er eingewechselt. Noch in derselben Minute trifft er zum 2:2. In der 87. Minute trifft er nochmals. 2:3. Spiel gedreht. Doppelpack. Matchwinner. Das ist grossartig. Und es passt zur Erzählung dieser frühen Saison: Der FCSG lebt nicht nur von der Startelf. Er lebt von seinem Kader. Gegen den FCZ machen die Einwechselspieler den Unterschied. In Vaduz wieder. Besio bringt Unbekümmertheit, Fazliji bringt Ruhe und Ballsicherheit, Vandermersch bringt Schwung, Stevanović Stabilität — und Owusu entscheidet das Spiel. So gewinnt man zwar nicht immer schön. Aber man gewinnt. Und in dieser Phase zählt vor allem das.

Der Makel: Defensiv lässt der FC St.Gallen heute viel zu. Vaduz kommt zu vielen Abschlüssen, zu vielen guten Situationen, zu viel Raum. Gerade in der ersten Halbzeit wirkt die St.Galler Defensive nicht stabil. Ruiz hat grosse Mühe, Stanić ist nicht so souverän wie sonst, auch Okoroji braucht Zeit, um in die Partie zu finden. Auf den Schienen passen die Zuordnungen nicht immer, im Zentrum fehlt phasenweise Kontrolle. Das 1:1 fällt nach einem Angriff, bei dem St.Gallen nicht gut aussieht. Das 2:1 ebenso. Vaduz kommt zu oft mit Tempo in gefährliche Räume, findet immer wieder Wege hinter oder zwischen die St.Galler Linien und zwingt Watkowiak mehr als einmal zum Eingreifen.
Natürlich: Die Umstände sind speziell. Die Belastung ist hoch. Die Personalsituation ist angespannt. Der FCSG kommt aus zwei Spielen gegen Benfica und dem Heimspiel gegen den FCZ. Die Doppelbelastung haben aber auch die Liechtensteiner. Und auch ihnen merkt man sie in der Schlussviertelstunde an. Der Schiedsrichter: Nico Gianforte leitet die Partie insgesamt ruhig. Er lässt aber sehr viel laufen. Das ist eine Linie, die er grundsätzlich auf beiden Seiten gleich durchzieht. Insofern ist das nicht parteiisch, nicht wild, nicht der grosse Aufreger dieses Nachmittags. Diese sehr grosszügige Linie entspricht zwar ziemlich genau dem, was man auch an der FIFA-WM gesehen hat. Es wird mehr Körperlichkeit zugelassen, es wird weniger schnell gepfiffen, das Spiel soll laufen. Das kann man mögen. Und es hat Vorteile. Aber es führt eben auch dazu, dass Stürmer gegenüber Abwehrspielern häufig benachteiligt werden. Gerade bei Stossen, Reissen und Halten wird es dann schnell schwierig. Wenn sehr viel Kontakt erlaubt ist, braucht es eine extrem klare Grenze. Und genau diese Grenze wirkt nicht immer sauber erkennbar. Dann werden Zweikämpfe laufen gelassen, bei denen man sich wundert — und kurz darauf gibt es Pfiffe, bei denen man genauso denkt: Wieso jetzt dieses Foul und die vorherigen nicht? Das fällt nicht nur in diesem Spiel auf, sondern auch in anderen Partien der Super League. Für unseren Geschmack ist diese Linie etwas zu weit. Gianforte zieht sie zwar weitgehend konsequent durch. Aber konsequent grosszügig ist nicht automatisch überzeugend.

Vaduz – St.Gallen 2:3 (1:1)
Tore: 1. Baldé 0:1, 11. Monsberger 1:1, 55. Cabrera 2:1, 72. Owusu 2:2, 87. Owusu 2:3.
Vaduz: Büchel; Hasler, Simani, Berisha, Sawadogo; Mack (89. Walker), Stark (79. Hammerich), Cabrera (64. Cocic); Dalipi (89. Lang), Monsberger, Sorgić (64. Djokic).
St.Gallen: Watkowiak; Ruiz (66. Fazliji), Stanić (46. Vandermersch), Okoroji; Witzig, Görtler, Daschner, Boukhalfa (46. Stevanović), Frokaj; Hunziker (72. Owusu), Baldé (66. Besio).
Rheinpark: 6’814 Zuschauerinnen und Zuschauer
Ref: Nico Gianforte

Einzelkritik
Watkowiak: Ordentliche Leistung, ohne zu glänzen. Bei den Gegentoren ist er machtlos. Hat einige Szenen, in denen er präsent sein muss, ohne dem Spiel aber eine besondere Ruhe oder Ausstrahlung zu geben.
Ruiz: Engagiert aber teils überfordert. Hat grosse Mühe mit der Körperlichkeit und Direktheit der Vaduzer Angriffe. Beim 2:1 sieht er schlecht aus, weil Monsberger ihn zu einfach bearbeitet und Vaduz danach durchkommt. Muss nach 66 Minuten raus.
Stanić: Auch nicht so gut wie sonst. Wirkt nicht so dominant und stabil wie gewohnt. Muss zur Pause raus. Angeschlagen. Immerhin bekommt er nun durch die Sperre im Europacup mindestens eine Woche Pause.
Okoroji: Steigert sich im Verlauf der Partie. Zu Beginn hat auch er Mühe, wirkt nicht sofort so klar und stabil wie zuletzt. Je länger das Spiel dauert, desto besser findet er aber hinein.
Daschner: Viele defensive Unzulänglichkeiten. Mit Ball weiterhin wichtig, aber gegen den Ball nicht sauber genug. Das Zentrum bekommt zu wenig Kontrolle, Vaduz findet zu oft Räume.
Witzig: Beginnt auf der rechten Schiene. Das passt nicht. Er findet dort weder den Rhythmus noch die Wirkung. Nach der Umstellung auf links wird es besser, zum Schluss beendet er die Partie im Sturm.
Görtler: Auch der Captain kann es besser. Nicht alles gelingt, nicht alles wirkt sauber, und auch er bekommt das Spiel lange nicht richtig beruhigt. Im Interview sagt er danach sinngemäss: Wichtig ist heute nur der Sieg, besser spielen müssen wir später wieder.
Boukhalfa: Bleibt blass. Findet kaum Zugriff auf das Spiel und kann dem Zentrum nicht die nötige Stabilität geben. Geht zur Pause runter. Ist ebenfalls angschlagen.
Frokaj: Spielt in der ersten Halbzeit auf der Schiene. Das passt ungefähr so wenig wie Witzigs Beginn auf rechts. Nach der Pause wird es besser, weil er zentraler und natürlicher eingebunden ist. Dort wirkt er ballsicherer und wertvoller.
Hunziker: Erster Startelfeinsatz. Zu Beginn engagiert, sucht Wege, geht in Duelle und bringt Energie. Irgendwann wirkt er angeschlagen, läuft nicht mehr ganz rund und bleibt ungefährlich. Muss nach 72 Minuten raus.
Baldé: Unruheherd in der ersten Halbzeit. Trifft früh zum 0:1 und ist in dieser Phase einer der gefährlicheren St.Galler. Nach der Pause wirkungslos. Macht nach 66 Minuten Platz für Besio.
Stevanović: Ruhig, konzentriert, sicherheitvermittelnd. Kommt zur Pause und gibt dem Spiel etwas mehr Ordnung. Nicht spektakulär, aber in einem wilden Match genau deshalb wertvoll. Er gwinnt Zweikämpfe, erobert Bälle und spielt seine gute Form aus.
Vandermersch: Wirblig und deshalb mit Wirkung nach vorne. Kommt ebenfalls zur Pause und bringt mehr Dynamik. Nicht jede Aktion ist sauber, aber mit ihm bekommt St.Gallen auf der Seite mehr Zug.
Besio: Bringt viel Unbekümmertheit, Zug und Torgefahr. Stark. Er ist sofort im Spiel, beschäftigt Vaduz, bringt Körperlichkeit und Energie.
Fazliji: Erhält seit langer, langer Zeit wieder einmal eine halbe Stunde. Ordentlicher Auftritt. Seine Ballsicherheit tut gut, gerade in einer Phase, in der St.Gallen dringend Ruhe und Klarheit braucht.
Owusu: Man of the Match. Kommt beim Stand von 1:2 und trifft doppelt. Mehr Impact geht kaum. Erst der Ausgleich, dann der Siegtreffer. Bringt Tempo, Überzeugung und Abschlussqualität. Chapeau!
Stimmen zum Spiel


Bild: Manuel Nagel
Ton: Ralph Weibel
Text: Marc Baumeler

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