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Endlich wieder richtiger Fussball

  • gruenweiss.sg
  • vor 4 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Noch vier Tage, dann startet der FC St.Gallen gegen Benfica Lissabon in sein Europa-Abenteuer. Die Sommerpause ist fast vorbei, die WM ist ganz vorbei — und selten fühlte sich die Rückkehr zum eigenen Club so wohltuend an. Diese Weltmeisterschaft begann mit Donald Trump im Zentrum, einem absurden FIFA-Friedenspreis und einem Fussball, der zur Nebensache wurde. Sie endete mit Spanien als verdientem Weltmeister und einem Trump, der bei der Pokalübergabe vor der grösstmöglichen Weltöffentlichkeit zum Nebendarsteller schrumpfte. Vielleicht war das der schönste Moment dieser WM: Der Fussball nahm sich seinen Raum zurück. Und jetzt führt dieser Raum wieder dorthin, wo er für uns am ehrlichsten ist: nach St.Gallen, ins Berit Sitterstadion, zu Grünweiss.



Man konnte rund um diese WM Angst bekommen, dass der Fussball vor allem verraten wird. Nicht unbedingt auf dem Platz. Dort gab es grossartige Spiele, grosse Spieler, schöne Geschichten. Aber rundherum war vieles schwer zu ertragen.


Den Höhepunkt in Sachen Absurdität gab es am 5. Dezember 2025. Bei der WM-Auslosung in Washington stand plötzlich Donald Trump im Zentrum. Nicht die Gruppen. Nicht die Mannschaften. Nicht das Turnier. Trump. Gianni Infantino verlieh ihm den neu geschaffenen «FIFA Peace Prize – Football Unites the World». Einen FIFA-Friedenspreis! An Donald Trump! «WTF», fragten sich viele. Der Fussball war an diesem Abend Nebensache, Trump die Hauptfigur. Fremdschämen blieb als einziger Ausweg. Besonders in der Schweiz, Infantinos Heimatland.


Das liess Böses erahnen. Man fragte sich: Wird diese WM zu einer politischen Hochglanzshow? Wird Trump dieses Turnier für sich benutzen? Wird der Fussball zur Kulisse für einen Mann, der jede Bühne in seine persönliche Inszenierung verwandeln will?


Während des Turniers war es dann ambivalenter. Es gab schöne Spiele. Es gab starke Mannschaften. Es gab Momente, in denen der Fussball grösser war als alles Drumherum. Aber es gab eben auch fragwürdige Entscheidungen, viel FIFA-Glanz, viel Machtgestus und immer wieder dieses Gefühl, dass das Spiel selbst gegen seine eigene Verpackung ankämpfen muss. Und dann kam dieser Final. Argentinien brachte auch an diesem Abend vieles auf den Rasen, was nichts mit Fussball zu tun haben sollte: Über-Härte, Theater, Reklamieren, Verzögern, Provozieren. Spanien aber blieb dran. Spanien spielte. Spanien suchte weiter den Fussball.


In der 93. Minute bekam dieser Fussball erstmals wieder Luft.


Enzo Fernández kam zu spät, sah Gelb-Rot, Argentinien war nur noch zu zehnt. Es war kein grosser poetischer Moment. Es war einfach eine richtige Entscheidung. Aber in diesem Spiel fühlte sie sich wichtig an. Als würde der Fussball kurz sagen: bis hierhin und nicht weiter. Später traf Ferran Torres in der Verlängerung zum 1:0. Spanien wurde Weltmeister. Verdient. Und es war eine riesige Erleichterung. Nicht, weil Argentinien mit ihrem Superstar Messi grundsätzlich nicht Weltmeister sein soll. Sondern weil dieses Argentinien an diesem Abend nicht hätte gewinnen dürfen. Der Fussball hatte sich am Ende doch noch durchgesetzt.


Noch schöner wurde es danach.


US-Präsident Donald Trump stand bei der Pokalübergabe auf dem Podest. Nach FIFA-Präsident Gianni Infantino. Mitten in der Inszenierung. Dort, wo er sich normalerweise zu Hause fühlt. Dort, wo Kameras auf ihn gerichtet sind, Hände geschüttelt werden, Bilder entstehen und Macht sich selbst betrachtet.


Doch nicht an diesem Abend.


Trump war nicht der Mittelpunkt. Die meisten Spieler liefen eher an ihm vorbei als auf ihn zu. Spanier, Argentinier. Sie nahmen Medaillen entgegen, schüttelten kurz Hände, gingen weiter. Manche würdigten ihn kaum eines Blickes. Keine grosse Geste. Kein Drama. Noch nicht mal ein Skandal. Genau deshalb war diese traditionell eher langweilige Zeremonie so stark. Trump, der bei der Auslosung noch Hauptfigur gewesen war, wurde bei der Pokalübergabe zum Nebendarsteller. Und ganz am Schluss, als er sich noch hilflos in das Weltmeisterbild der Spanier hineinzuschmuggeln versuchte, war er nur noch Statist. Ein verlorener, funktionsloser, solariumgebräunter, alter Mann, den für diesen Moment nicht einmal mehr eine Aura umgab. Er stand da, vor der wohl grössten Weltöffentlichkeit, die man sich vorstellen kann, und gehörte doch nicht wirklich dazu. Das war bemerkenswert.


Nicht, weil der Fussball Trump politisch besiegt hätte. So einfach ist die Welt nicht. Aber weil er ihn für einen Moment entzauberte. Ohne Rede. Ohne Kampagne. Ohne grosse Pose. Der Fussball liess ihn einfach stehen. Plötzlich waren andere wichtiger. Die Spieler. Die Mannschaft. Der Pokal. Der Jubel. Das Bild. Der Moment. Der Fussball nahm sich seinen Raum zurück.


Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis dieses WM-Abends: Dieses Spiel ist möglicherweise grösser als jene, die es für sich benutzen wollen. Grösser als FIFA-Shows. Grösser als absurde Friedenspreise aus dem Nichts. Grösser als Präsidenten, die sich in Bilder drängen. Grösser als alle, die glauben, sie könnten es besitzen. Das ist gut so.


Und jetzt darf diese WM vorbei sein. Jetzt darf der Blick wieder kleiner werden. Und genau deshalb für uns grösser. Nach St.Gallen. Ins Berit Sitterstadion. Zu einem Club, der letzte Saison den Cup gewonnen, einen heftigen Konflikt überstanden und eine kurze Sommerpause hinter sich gebracht hat. Wir wissen, wie dieser FC St.Gallen aussieht. Wir kennen die Achse, die Ideen, die Haltung, die Handschrift. Jetzt geht es darum, wie dieses Gefüge in die neue Saison kommt. Wie es gegen Benfica besteht. Wie es Europa annimmt. Und wie es danach in die Meisterschaft startet.


Am Donnerstag wird der Fussball wieder konkreter. Kein Weltturnier. Kein Präsident auf dem Podest. Kein FIFA-Friedenspreis. Kein globales Machtbild. Sondern Flutlicht in St.Gallen.


Benfica Lisabon.


Ein Gegner, der gross ist. Und ein Fussball, der für uns dort am ehrlichsten ist, wo er natürlich kleiner wirkt als ein WM-Final, aber viel näher ist. Im eigenen Stadion. In der eigenen Kurve. Mit der eigenen Mannschaft. Die WM ist vorbei. Der FC St.Gallen ist zurück. Auch das ist gut so.


Bild: Franz Schefer Text: Marc Baumeler

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