Ein Kapitel ist zu Ende. Nicht die Geschichte.
- gruenweiss.sg
- 28. Mai
- 7 Min. Lesezeit
Als Matthias Hüppi 2018 Präsident des FC St.Gallen wurde, begann eine Geschichte, die diesen Club verändert hat. Aus einem angeschlagenen Verein wurde wieder ein verlässlicher, glaubwürdiger und tief in der Region verankerter FC St.Gallen. Diese Geschichte führte bis zum Cupsieg 2026, zum grössten sportlichen Erfolg seit 26 Jahren. Kaum war der Pokal in St.Gallen angekommen, eskalierte hinter den Kulissen ein Konflikt, der den Club erschütterte. Seit gestern ist klar: Matthias Hüppi bleibt Präsident. Peter Germann, Patrick Gründler, Christoph Hammer und Benedikt Würth bleiben an seiner Seite. Patrick Thoma, Roland Gutjahr, Ernst Eisenhut und Martin Jäger ziehen sich aus dem Aktionariat zurück, ihre Anteile werden von den verbleibenden Aktionären übernommen. Damit ist glücklicherweise die Geschichte des FC St.Gallen unter Matthias Hüppi nicht beendet. Aber ein gefährliches Kapitel dieser Geschichte ist es.

Der Machtkampf: Wie man dieses Kapitel überschreibt, hängt vom Blickwinkel ab. Man kann von einem Putschversuch sprechen. Von einem Machtkampf. Von einem Ringen um Verantwortung. Von einem Ringen um Strategie. Von einem Streit darüber, wem der FC St.Gallen gehört und wer diesen Club in die Zukunft führen soll. Vermutlich steckt von allem etwas darin. Sicher ist: Was in den Tagen nach dem Cupsieg passiert ist, war kein kleines Missverständnis. Es war ein eskalierter Konflikt um Einfluss, Verantwortung, Vertrauen und Deutungshoheit. Ein Konflikt, der den FC St.Gallen mitten im grössten Triumph der jüngeren Vereinsgeschichte getroffen hat. Ausgerechnet in jenem Moment, in dem eine ganze Region feiern wollte, musste sie mobilisieren. Ausgerechnet in jenem Moment, in dem Grünweiss einfach nur stolz sein wollte, musste Grünweiss Stellung beziehen. Das ist bitter.
Gleichzeitig sagt es auch sehr viel über diesen Club aus. Denn die Reaktion war gewaltig. Fans, Sympathisantinnen, Sponsoren, Politikerinnen, Kleinaktionäre, Menschen aus der ganzen Region: Sie alle machten deutlich, dass der FC St.Gallen nicht einfach eine gewöhnliche Firma ist, die man hinter verschlossenen Türen neu sortieren kann. Dieser Club ist mehr als eine Aktiengesellschaft. Er ist mehr als ein Fussballbetrieb. Er ist ein Stück Ostschweiz. Und dieses Stück Ostschweiz hat sich gewehrt.
Die Ruhe danach: Jetzt muss erst einmal Ruhe einkehren. Nicht die Ruhe des Vergessens. Nicht die Ruhe des Deckels, der möglichst schnell wieder auf den Topf gedrückt wird. Sondern eine Ruhe, die nötig ist, damit der Club arbeiten kann.
Denn es stehen ganz handfeste Aufgaben an. Die Vorbereitung auf die neue Saison muss geplant werden. Die europäische Kampagne steht bevor. Die Super League wartet nicht, bis in St.Gallen alle Wunden verheilt sind. Transfers müssen vorbereitet, Verträge besprochen, Reisen organisiert, Budgets geplant, Strukturen belastet werden. Auf dieser operativen Ebene ist die Nachricht, dass der bestehende Verwaltungsrat weitermacht, enorm wichtig. Sie schafft Stabilität Verlässlichkeit und Vertrauen. Die Menschen, die diesen Club in den vergangenen Jahren geführt haben, können ihre Arbeit fortsetzen. Das ist in der aktuellen Situation nicht einfach eine Personalie. Es ist ein Signal: Der FC St.Gallen bleibt auf Kurs. Das ist gut. Und es ist nötig.

Die Lehren: Trotzdem darf man nicht so tun, als sei nichts geschehen. Das scheint den Verantwortlichen aber klar zu sein. Die gestrige Medienkonferenz gibt berechtigten Grund zur Annahme, dass allen Beteiligten bewusst ist, wie ernst diese Tage waren und wie wichtig es nun ist, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Solche Konflikte hinterlassen Spuren. Sie hinterlassen offene Fragen. Sie hinterlassen Verletzungen. Sie hinterlassen Vertrauensverlust. Und sie hinterlassen die Aufgabe, aus dem Geschehenen zu lernen.
Das Aktionariat hat Fehler eingestanden und Bereitschaft signalisiert, hinzuschauen. Das ist wichtig. Es ist auch richtig. Und wenn man die Arbeit des Verwaltungsrats in den vergangenen Jahren betrachtet, darf man davon ausgehen, dass auch dieses Gremium kritikfähig ist und sich selbst Fragen stellt. Genau darum geht es jetzt: nicht um Siegerposen, nicht um Nachtreten, nicht um Triumphgefühle. Sondern um die Frage, wie ein solcher Bruch künftig verhindert werden kann.
Wie können Verwaltungsrat und Aktionariat sicherstellen, dass keine Alleingänge mehr passieren? Wie können Konflikte innerhalb dieser Gremien gelöst werden, bevor sie derart eskalieren, wie sie nach dem Cupfinal eskaliert sind? Wie wird verhindert, dass einzelne Interessen plötzlich als Gesamtinteresse des Clubs auftreten? Wie kann strategische Kritik eingebracht werden, ohne den Club zu destabilisieren? Wie gelingt es, über Weiterentwicklung, Generationenwechsel und Verantwortung zu sprechen, bevor daraus Misstrauen, Machtkampf und öffentliche Eskalation werden?
Die verschiedenen Wahrheiten: Es gibt unterschiedliche Narrative über diese Geschichte. Das eine lautet: Aktionäre sind Eigentümer. Sie halten Anteile an einer Aktiengesellschaft. Sie haben Rechte. Sie dürfen über die Zusammensetzung des Verwaltungsrats mitentscheiden. Sie dürfen eine Strategie fordern, sie dürfen einen anderen Kurs verlangen, sie dürfen ihre Stimmen organisieren. Das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht vollständig.
Denn ein Fussballclub ist kein normales Unternehmen. Natürlich gibt es Aktien, Stimmrechte, Eigentumsverhältnisse und formale Zuständigkeiten. Natürlich gelten die Regeln einer Aktiengesellschaft. Natürlich müssen Aktionärinnen und Aktionäre mitreden können. Aber ein Fussballclub funktioniert anders als eine gewöhnliche Firma. Damit haben viele Menschen Erfahrung, die in Organisationen ausserhalb oder am Rand der Privatwirtschaft arbeiten: in Vereinen, Verbänden, Genossenschaften, Stiftungen, politischen Gremien oder anderen gemeinwohlorientierten Strukturen. Solche Prozesse sind manchmal kompliziert. Selten wahnsinnig schnell. Oft mühsam. Aber wenn sie sorgfältig geführt werden, können sie nachhaltiger sein als schnelle Entscheide, die zwar formal korrekt sind, aber Vertrauen zerstören. Genau darum geht es beim FC St.Gallen. Er wird jedes Wochenende öffentlich bewertet. Nicht nur über Bilanzen, sondern über Resultate, Tabellen, Emotionen und Zugehörigkeit. Jede sportliche Entscheidung wird diskutiert. Jede strategische Bewegung wird gespürt. Jeder Bruch im Innern kann draussen sofort ein Beben auslösen. Und beim FC St.Gallen kommt etwas Entscheidendes dazu: Dieser Club gehört nicht einer Person. Es gibt keinen einzelnen Eigentümer, der sagen kann: Das ist mein Verein. Es gibt Hauptaktionäre, ja. Es gibt Einfluss, ja. Aber es gibt auch Tausende Kleinaktionärinnen und Kleinaktionäre, Fans, Sponsoren, Mitarbeitende, Spieler, Trainer, eine ganze Region.
Darum ist die formale Wahrheit nur ein Teil der Wahrheit. Die emotionale Wahrheit ist mindestens genauso wichtig.

Der Fehler: Was man heute sagen kann: Der Versuch, den Verwaltungsrat praktisch ohne öffentliche Erklärung und ohne erkennbare Einbindung der grünweissen Familie neu auszurichten, war ein schwerer Fehler.
Dabei geht es nicht darum, personelle Wechsel grundsätzlich zu verhindern. Im Gegenteil: Die Weiterentwicklung, die Erneuerung und der Generationenwechsel in solchen Gremien sind zentrale Führungs- und Verantwortungsaufgaben. Kein Verwaltungsrat ist für die Ewigkeit gewählt. Kein Gremium ist unfehlbar. Auch der aktuelle Verwaltungsrat nicht.
Aber der Weg war falsch.
Wer den FC St.Gallen verändern will, muss erklären, weshalb. Wer eine neue Strategie will, muss sie offenlegen. Wer von einer Vorwärtsstrategie spricht, muss sagen, was damit gemeint ist. Wer neue Personen installieren will, muss erklären, wofür diese Personen stehen — und weshalb sie sich eignen. Wer über mögliche Investoren, Verkäufe oder finanzielle Zuschüsse nachdenkt, muss offen sagen, welche Chancen und welche Risiken damit verbunden sind.
Es reicht nicht, hinter verschlossenen Türen Mehrheiten zu organisieren und dann zu erwarten, dass die grünweisse Familie das einfach schluckt. Die Menschen rund um den FC St.Gallen haben ein feines Gespür dafür, wer etwas für diesen Club erreichen will — und wer mit diesem Club etwas für sich erreichen will. Dieses Gespür hat in den vergangenen Tagen funktioniert.
Die Rolle der Bewegung: Dass es gelungen ist, innert kürzester Zeit eine derart starke Bewegung in Gang zu bringen, ist bemerkenswert. Die Fans haben reagiert. Die Region hat reagiert. Menschen, die sonst vielleicht still bleiben, haben sich geäussert. Der Druck blieb über Stunden hoch. Und dieser Druck war mitentscheidend dafür, dass dieses Kapitel nun so endet, wie es endet. Das ist grossartig.
Aber auch hier ist etwas wichtig: Diese Bewegung darf nicht nur eine Bewegung für einzelne Personen sein. Natürlich ist Matthias Hüppi das Gesicht dieses Clubs. Natürlich hat er enorme Verdienste. Natürlich steht er für Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Vertrauen. Und natürlich war es richtig, sich in dieser Situation hinter ihn und den bestehenden Verwaltungsrat zu stellen. Aber auch Matthias Hüppi ist nicht der FC St.Gallen. Er weiss das selbst wahrscheinlich besser als viele andere.
Gerade deshalb verdient er Vertrauen. Nicht als Heilsfigur, nicht als unantastbarer Alleinherrscher, sondern als Präsident eines Teams, das diesen Club in den vergangenen Jahren geprägt hat. Hüppi, Germann, Gründler, Hammer und Würth haben gemeinsam Verantwortung getragen. Gemeinsam mit der Geschäftsstelle, dem Sport, den Mitarbeitenden, den Fans und der Region.
Und noch etwas gehört dazu: Anstand muss bleiben. Auch im grössten Moment des Widerstands. Kritik darf hart sein. Protest darf laut sein. Widerstand darf klar sein. Aber Hetze, persönliche Angriffe und Entmenschlichung dürfen nie Teil dieser Bewegung werden. Wer für Werte kämpft, muss sie auch im Kampf verteidigen.
Die Handreichung: Wichtig ist deshalb auch die gegenseitige Handreichung. Matthias Hüppi hat zurecht daran erinnert, dass Patrick Thoma und Roland Gutjahr ihren Teil zur Geschichte der vergangenen Jahre beigetragen haben. Auch das gehört zur Wahrheit. Diese Geschichte besteht nicht nur aus den letzten Tagen. Sie besteht aus den Jahren seit Hüppis Amtsantritt: aus Aufbau, Finanzierung, Risiko, Emotionen, Erfolgen, Fehlern und Entscheidungen.
Thoma und Gutjahr haben zu dieser Geschichte beigetragen. Aber sie haben eben auch dazu beigetragen, dass nach dem Cupfinal nicht nur gefeiert, sondern mobilisiert werden musste. Beides darf gesagt werden. Es ist kein Widerspruch, Verdienste anzuerkennen und Fehler klar zu benennen. Im Gegenteil: Nur so entsteht eine gesunde Clubkultur.
Und trotzdem ist es richtig, dass jene Personen, die diesen Bruch mitverantwortet haben, ihre Rolle als Hauptaktionäre beim FC St.Gallen nun abgeben. Nicht als Akt der Demütigung. Nicht als nachträglicher Pranger. Sondern als Konsequenz aus einer Eskalation, die gezeigt hat, dass Vertrauen nicht einfach behauptet werden kann. Es muss vorhanden sein. Und wo es so stark beschädigt ist, braucht es Veränderung.

Was bleiben muss: Der FC St.Gallen steht nun vor der nächsten Aufgabe. Nicht auf dem Platz, sondern in seinem Innern. Er muss klären, wie stabil und vertrauensvoll weitergearbeitet werden kann. Wie Verwaltungsrat und Aktionariat wieder eine gemeinsame Grundlage finden. Wie strategische Fragen rechtzeitig, offen und sauber verhandelt werden. Wie Generationenwechsel geplant werden, ohne dass daraus Machtkämpfe entstehen. Wie das Aktionariat organisiert ist. Wie die Eigentumsverhältnisse künftig aussehen und erzählt werden.
Der Club braucht Ambition. Er braucht Geld. Er braucht sportliche Kompetenz. Er braucht professionelle Strukturen. Er braucht Menschen, die unbequem fragen. Er braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen. Aber er braucht all das eingebettet in Werte. Vertrauen. Glaubwürdigkeit. Nähe zur Region. Wirtschaftliche Realität und Stabilität. Menschlichkeit. Nachhaltigkeit. Das ist kein romantischer Luxus. Das ist die Grundlage dessen, was diesen Club stark gemacht hat.
Die Geschichte: Das aktuelle Kapitel endete gestern mit einer guten Nachricht: Der bestehende Verwaltungsrat bleibt. Die operative Stabilität bleibt. Der eingeschlagene Weg kann weitergeführt werden. Aber es endet nicht mit einem Freipass. Nicht für das Aktionariat. Nicht für den Verwaltungsrat. Nicht für die Fans. Nicht für uns. Alle müssen aus diesen Tagen lernen. Wir alle müssen verstehen, dass die grünweisse Bewegung kein Selbstläufer ist. Sie muss gepflegt werden. Sie muss geschützt werden. Sie muss weiterentwickelt werden.
Der FC St.Gallen hat gerade einen Titel gewonnen. Danach hat er einen eskalierten Konflikt überstanden. Ein Kapitel ist zu Ende. Die Geschichte geht weiter.
Und sie muss grünweiss bleiben.

Bild: Patrick Magalhaes, Cyriac Schnyder, Franz Schefer Text: Marc Baumeler

Danke für diesen differenzierten Blick auf die letzten Tage.