Die Siege kommen von der Bank
- gruenweiss.sg
- vor 11 Minuten
- 4 Min. Lesezeit
Der FC St.Gallen empfängt am Sonntag den FC Luzern — und kommt mit einem sehr guten Gefühl zurück aus Moldawien. Das 3:1 gegen Sheriff Tiraspol war genau jene reife Leistung, die es in diesen wilden, intensiven ersten Saisonwochen gebraucht hat. Kein perfektes, makelloses Spiel, sondern ein erwachsener Europacup-Auftritt. Nun wartet wieder die Liga. Und vielleicht ist die wichtigste Frage bei den Espen im Moment gar nicht, wer beginnt. Sondern wer in der zweiten Halbzeit von der Bank kommt.

Die Ausgangslage: Der FCSG hat in Tiraspol geliefert. Das 3:1 gegen Sheriff ist wertvoll, weil es dem FCSG für das Rückspiel eine starke Ausgangslage verschafft. Noch wichtiger aber: Es war ein Sieg, der zeigte, dass diese Mannschaft auch abgeklärt und reif auftreten kann. Nicht nervös. Nicht überdreht. Nicht mit dem Gefühl, alles sofort entscheiden zu müssen. Aber auch nicht nur geduldig und erwachsen, sondern vor allem immer wieder sehr solidarisch. Das Teamgefüge stimmt – auch in dieser Saison. Beispielhaft dafür stehen zwei Szenen: Ruiz bügelt in der ersten Halbzeit mit einem Sprint über das halbe Feld und einer wichtigen Grätsche einen Fehler eines Kollegen aus, Okoroji macht es nach der Pause ähnlich. Genau das braucht es in diesen Wochen.
Die Resultate stimmen, die Mannschaft findet Lösungen, die Bank liefert. Trotzdem ist die Belastung weiterhin hoch. Der Spagat bleibt. Aber nach Tiraspol fühlt er sich möglicherweise etwas leichter an. Der Gegner: Der FC Luzern kommt in einer ganz anderen Stimmung nach St.Gallen. Die Innerschweizer haben ihre ersten beiden Ligaspiele verloren. Zuerst setzte es zu Hause gegen Thun ein 1:3 ab, danach folgte auswärts in Sion ein 0:3. Zwei Spiele, null Punkte, 1:6 Tore, letzter Platz. Das ist früh in der Saison noch kein Drama, aber es ist ein Fehlstart. Und Fehlstarts machen etwas mit Mannschaften. Luzern wird deshalb nicht einfach nach St.Gallen kommen und abwarten. Der FCL braucht eine Reaktion. Gerade nach dem schwachen Auftritt in Sion dürfte es darum gehen, wieder Stabilität, Mut und Widerstand auf den Platz zu bringen. Für den FCSG ist das gefährlich, weil angeschlagene Gegner nicht automatisch einfache Gegner sind. Manchmal sind sie besonders unangenehm.
Dazu kommt: Luzern hat durchaus Qualität. Aber aktuell scheint noch nicht viel ineinanderzugreifen. Neuer Trainer, veränderter Kader, unsicherer Start, defensive Probleme. Gegen Thun kassierte Luzern nach früher Führung drei Gegentore. In Sion blieb man ohne eigenen Treffer. Das deutet auf eine Mannschaft hin, die noch sucht — nach Struktur, Sicherheit und Selbstverständnis. Für St.Gallen heisst das: Luzern nicht aufbauen. Möglichst keine einfachen Fehler. Keine offenen Räume nach eigenen Ballverlusten. Kein Spiel, in dem der Gegner plötzlich merkt, dass heute doch etwas geht.

Die Espen: Auf St.Galler Seite wird vieles von der Personalsituation abhängen. Lawrence Ati Zigi war in Moldawien mit dabei. Gut möglich also, dass er gegen Luzern wieder zurückkehrt. Ob es reicht, wird das Trainerteam entscheiden müssen. Maassen ist allerdings kein Trainer, der Spieler nach Verletzungen kopflos wieder hineinwirft. Er baut Rückkehrer in der Regel behutsam auf.
Auch in der Abwehr gibt es neue Möglichkeiten. Colin Kleine-Bekel hat gegen Sheriff seine ersten Minuten nach der Verletzung absolviert. Das ist wichtig. Nicht nur, weil er eine zusätzliche Option ist, sondern weil der FCSG in der Defensive zuletzt improvisieren musste. Jozo Stanić wiederum hatte durch seine Europacup-Sperre eine Woche Zeit, sich auf das Luzern-Spiel vorzubereiten. Nach den vielen angeschlagenen Spielern ist das fast schon Luxus: ein zentraler Verteidiger, der nicht nach Moldawien musste und körperlich frischer sein sollte.Das könnte Maassen helfen, die Abwehr wieder gewohnter und damit stabiler aufzustellen.
Spannend bleibt die Dynamik im Kader. Zuletzt haben alle, die irgendwann auf den Platz gekommen sind, geliefert. Meist sofort nach ihrer Einwechslung. Und genau da liegt im Moment vielleicht die grösste Stärke dieses FCSG: Maassen kann Spiele verändern. Gegen den FCZ war das so. In Vaduz war das so. Auch in Tiraspol griffen die personellen Entscheidungen. Man kann deshalb fast fragen: Ist momentan wirklich entscheidend, wer in der Startformation steht? Oder ist die spannendere Frage, welche Spieler ab der 55., 60. oder 65. Minute kommen und das Spiel in eine neue Richtung drücken? Natürlich braucht es beides. Eine Startelf, die Stabilität gibt. Und eine Bank, die Energie bringt. Die Prognose: Der FC St.Gallen geht mit Rückenwind in dieses Spiel. Nicht mit Leichtigkeit, dafür ist die Belastung zu gross. Nicht sorgenfrei, dafür sind zu viele Spieler angeschlagen. Aber mit Selbstvertrauen. Mit Resultaten. Mit einem Kader, das Antworten findet. Und mit dem Wissen, dass der Auftritt in Tiraspol nicht nur für den FCSG, sondern auch für die Fussballschweiz überzeugend war – Stichwort: Koeffizient.
Gegen Luzern braucht es nun wieder Liga-Fokus. Das ist einfacher gesagt als getan. Wenn Zigi wieder mittun kann, Kleine-Bekel weitere Minuten bekommt und Stanić frisch in die Abwehr zurückkommt, könnte das der Mannschaft genau jene Stabilität geben, die sie nach den wilden letzten Wochen braucht. Und wenn die Bank erneut jenen Impact bringt, den sie zuletzt regelmässig liefert, dann spricht viel dafür, dass St.Gallen auch gegen Luzern zu Chancen kommt.
Es wird wohl kein einfacher Nachmittag. Luzern steht unter Druck, der Rhythmus bleibt hart. Aber Grünweiss wirkt im Moment wie eine Mannschaft, die Lösungen findet.
Manchmal von Beginn weg.
Manchmal erst nach den Wechseln.
Aber sie findet sie.
Unser Tipp: 2:1 für den FC St.Gallen.

Bild: Patrik Magalhaes
Text: Marc Baumeler

Kommentare