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Die nächste Reifeprüfung

  • gruenweiss.sg
  • vor 11 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Der FC St.Gallen steht vor den Playoffs zur Conference League. Gegen den FC Nordsjælland aus Dänemark geht es um den Einzug in die Ligaphase — und damit um den europäischen Herbst. Die Ausgangslage ist offen, die Aufgabe anspruchsvoll, aber wohl nicht unlösbar. Der FCSG kommt mit Resultaten, Breite und Selbstvertrauen. Nordsjælland kommt mit Tempo, Talent und einer klaren Idee. Es dürfte ein Duell werden, das von der Frage lebt, wer seinen Plan sauberer auf den Platz bringt.



Die Ausgangslage: Nach dem souveränen Weiterkommen gegen Sheriff Tiraspol wartet auf den FC St.Gallen nun eine andere Art Gegner. Benfica war der grosse Name, Sheriff die Pflichtaufgabe mit langer Reise und spezieller Umgebung. Nordsjælland liegt irgendwo dazwischen: kein europäischer Gigant, aber ein Klub mit Profil, Tempo und Struktur.


Für den FCSG geht es um viel. Zwei Spiele trennen die Espen von der Ligaphase der Conference League. Das Hinspiel findet am Donnerstag um 19:00 Uhr auswärts im Right to Dream Park nordwestlich von Kopenhagen statt, das Rückspiel eine Woche später um 20:00 Uhr im Berit Sitterstadion. Der Weg ist klar: Wer sich qualifiziert, spielt europäisch weiter. Wer scheitert, wird den Rest der Saison ausschliesslich national denken.


St.Gallen bringt gute Argumente mit. Der Saisonstart ist leistungs- und resultatmässig gelungen, das Team hat trotz unterschiedlicher Herausforderungen und hoher Belastung immer wieder Antworten gefunden. Die Espen sind im Flow. Nicht überdreht, nicht makellos, aber stabil genug, um mit Überzeugung nach Dänemark zu reisen.


Der Gegner: FC Nordsjælland ist hierzulande kein sehr bekannter Klub. Genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Der Verein ist eng mit «Right to Dream» verbunden, einem internationalen Fussball- und Ausbildungsnetzwerk, das junge Talente nicht nur sportlich entwickeln will, sondern auch schulisch, persönlich und sozial begleiten will. FC Nordsjælland ist dabei ein wichtiger Profistandort in Europa: ein Klub, der bewusst sehr jungen Spielern früh Verantwortung gibt und Entwicklung nicht als Nebenthema versteht, sondern als Geschäftsmodell und sportliche Idee.


Das ist spannend, aber nicht frei von Widersprüchen. «Right to Dream» klingt nach Idealismus, Bildung und Aufstiegschance — und vieles daran ist genau das. Gleichzeitig ist es auch ein modernes Fussballnetzwerk, das Talente früh bündelt, Wege nach Europa organisiert und Spielerentwicklung eng mit Transferwerten verbindet. Das kann für junge Spieler eine riesige Chance sein. Es wirft aber auch Fragen auf: Wie viel Ausbildung ist Idealismus, wie viel Geschäftsmodell? Wie viel Selbstbestimmung bleibt in einem System, das sehr klare Karrierewege vorsieht? Und wie nachhaltig ist ein Klubmodell, das stark davon lebt, junge Spieler auszubilden, sichtbar zu machen und weiterzuverkaufen? Nordsjælland ist also nicht einfach der sympathische Ausbildungsverein aus dem Norden. Es ist ein hochmodernes Fussballprojekt mit vielen Stärken — und mit den Ambivalenzen, die solche Projekte im heutigen Fussball fast zwangsläufig mitbringen.

Das alles macht Nordsjælland zu einem interessanten und starken Gegner.


Die Dänen setzen mehrheitlich auf junge Spieler, saubere Technik, Tempo und mutige Lösungen. Auch ihr Start in die Saison passt. Nordsjælland kommt mit positiven Resultaten in dieses Playoff, St.Gallen ebenfalls. Beide Teams haben also gute Gründe mit Selbstvertrauen und Überzeugung in dieses Duell starten.



Die Espen: Gegen Nordsjælland wird Enrico Maassen vermutlich wieder näher an die Stammelf vom Saisonstart rücken. Im Tor dürfte Zigi beginnen. In der Defensive wird wichtig, wer neben Stanić und Okoroji startet. Gaal könnte zurückkommen, was dieser Abwehr zusätzliche Stabilität geben würde. Kleine-Bekel hat zuletzt wieder Minuten gesammelt, Ruiz bleibt eine Option. Die Auswahl scheint da — das ist schon mal gut.


Im Zentrum braucht es Spieler, die Druck aushalten. Nordsjælland wird versuchen, Tempo in die Partie zu bringen und St.Gallen in unruhige Ballbesitzphasen zu zwingen. Genau dort braucht es Ruhe, Zweikampfstärke und saubere Entscheidungen. Daschner und Görtler sind dafür die Fixpunkte. Beide wurden am Sonntag geschont. Dahinter oder daneben gibt es mit Fazliji, Frokaj, Konietzke und je nach Plan einige Varianten.


Interessant wird es auch in der Offensive. Besio, Hunziker, Baldé, Owusu und Witzig bringen unterschiedliche Qualitäten mit. Wucht, Tiefe, Tempo, Unruhe, Spielwitz. Maassen hat in den vergangenen Wochen oft gezeigt, dass nicht nur die Startelf wichtig ist, sondern auch der Zeitpunkt der Wechsel. Gegen Nordsjælland wird beides zählen: eine Startelf, die ins Spiel findet, und eine Bank, die später nochmals Energie bringen kann.


Was es braucht, ist bekannt. Das was den FCSG auszeichnet und stark macht: Geschlossenheit, Verbundenheit, Intensität und Mut.



Prognose: Dieses Duell ist offen. Vielleicht ist Nordsjælland stärker, als viele in der Schweiz vermuten. Vielleicht entwickelt sich ein Spiel, in dem St.Gallen leiden muss. Vielleicht aber zeigt sich auch, dass die Espen in diesem Sommer bereits genug erlebt haben, um genau solche Aufgaben anzunehmen.


Viel spricht dafür, dass es eng wird.


Die Dänen werden Tempo und Mut bringen. St.Gallen wird Erfahrung aus den letzten Europacup-Wochen, körperliche Präsenz und seine Breite dagegenstellen. Es wäre keine Überraschung, wenn dieses Playoff erst im Rückspiel wirklich entschieden wird. Unser Gefühl: Der FCSG nimmt etwas mit aus Dänemark. Wie viel, werden wir sehen.


Und dann wartet das Berit Sitterstadion.


Und dort machen wir den europäischen Herbst perfekt. Zämä.



Bild: Archiv Text: Marc Baumeler

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