Der nächste Nachweis
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Dreimal in Folge ist der FC St.Gallen zuletzt als Sieger aus dem Wankdorf zurückgekehrt. Zweimal gegen YB, einmal nach dem Cupfinal. Am Samstagabend wartet dort nun die bisher wohl schwierigste Aufgabe dieser Meisterschaft: Die Young Boys sind noch ungeschlagen, haben in zehn Spielen 33 Tore erzielt und liegen sechs Punkte vor den Espen. Für Grünweiss ist das Spiel deshalb mehr als ein nächster Härtetest. Es ist die Gelegenheit zu zeigen, ob die zuletzt wiedergewonnene Stabilität auch gegen eine der besten Mannschaften der Liga trägt oder ob die Espen im Wankdorf untergehen – ähnlich wie Mitte September in Lugano.

Die Ausgangslage: Es waren wilde erste Monate. Sehr guter Saisonstart. Europacup. Danach diese Phase, in der dem FCSG etwas die Luft ausging und plötzlich vieles schwer aussah. Dann die Reaktion in Basel. Es folgten zwei Siege 1:0 gegen Lausanne und im Cup ein souveränes 2:0 in Rapperswil. Nicht spektakulär. Aber stabil.
Und genau das ist vielleicht die wichtigste Entwicklung der vergangenen Wochen. St.Gallen muss im Moment nicht jedes Spiel mit offenem Visier bestreiten. Enno Maassen lässt seine Mannschaft phasenweise etwas tiefer stehen, die Abstände wirken wieder kleiner, die Defensive stabiler. Tom Gaal ist zurück, Jozo Stanić findet wieder zu seiner Präsenz und auch die jungen Spieler fügen sich ein.
Dreimal in Folge gewonnen. Zweimal in Folge kein Gegentor. Jetzt kommt der nächste Nachweis. Nach dieser Runde hat der FCSG gegen jeden Gegner der Liga einmal gespielt. Maassen formuliert die Aufgabe entsprechend klar: Es gehe nun darum zu zeigen, ob St.Gallen eher irgendwo im Mittelfeld unterwegs sein wird – oder tatsächlich nach oben gehört. Besser lässt sich die Ausgangslage kaum beschreiben. Der Gegner: YB ist bislang ungeschlagen. Sechs Siege, vier Unentschieden, 22 Punkte. Nur Lugano steht in der Tabelle noch weiter vorne. Vor allem offensiv sind die Berner eine Wucht. 33 Tore in zehn Meisterschaftsspielen sind eine Ansage. Samuel Essende führt die Torschützenliste an und steht sinnbildlich für eine Mannschaft, die unglaublich viel Druck entwickeln kann. Dazu kommen Spieler wie Fassnacht, Sanches und Olaigbe – und eine Breite im Kader, die nur wenige Teams in der Schweiz besitzen. Der FCSG selbst bezeichnet YB entsprechend als die torgefährlichste Mannschaft der Liga.
Aber unverwundbar sind die Berner nicht.18 Gegentore nach zehn Spielen zeigen, dass auch YB Räume anbietet. Trainer Gerry Seoane hat zuletzt versucht, die Defensive zu stabilisieren. Gegen GC gelang beim 2:0 tatsächlich ein konzentrierter Auftritt ohne Gegentor, im Cup folgte ein problemloses 5:0 gegen Taverne. Das macht die Aufgabe für die Espen nicht einfacher. Aber interessant.

Die Espen: Die jüngere Geschichte wird im Wankdorf möglicherweise helfen. Lange war dieses Stadion für den FCSG ungefähr so gemütlich wie ein Zahnarztstuhl. Inzwischen ist das anders. Die letzten drei Reisen nach Bern endeten mit St.Galler Siegen. Zweimal 2:1 gegen YB. Dazwischen jener 24. Mai, über den man in der Ostschweiz bekanntlich noch ein paar Jahre sprechen wird. Tom Gaal sagt deshalb zurecht: «Positive Erinnerungen an ein Stadion nimmt man mit. Aber Erinnerungen verteidigen Essende nicht.»
Dafür braucht es am Samstag einen nahezu perfekten Auftritt gegen den Ball. Eng zusammenstehen, die direkten Duelle annehmen, zweite Bälle gewinnen – und vor allem verhindern, dass YB Tempo aufnehmen kann. Maassen weiss, dass sich nicht alles wegverteidigen lässt. Deshalb muss St.Gallen selbst gefährlich werden. Und hier liegt vielleicht die spannendere Frage. Defensiv hat sich der FCSG zuletzt stabilisiert. Offensiv fehlt aber noch die letzte Konsequenz. Gegen Lausanne und auch in Rapperswil gab es gute Ansätze, viele Aktionen blieben jedoch zu ungenau oder wurden nicht sauber zu Ende gespielt. Gegen YB werden die Chancen vermutlich seltener kommen. Dann müssen sie sitzen.
Erschwert wird die Aufgabe durch die Ausfälle. Christian Witzig fehlt nach seiner erneuten Schulterverletzung. Bei ihm ist die Schulter beim Cupspiel in Rapperswil aus- und wieder eingekugelt; der FCSG rechnet mit einer mehrwöchigen Pause. Auch Besio, Neziri, Efekele und Owusu stehen nicht zur Verfügung. Gerade Witzigs Position ist spannend. Okoroji könnte auf die linke Schiene rücken. Auch Stevanović oder Ruiz sind Optionen. Eine Eins-zu-eins-Lösung gibt es nicht. Vorne dürfte das Duo Hunziker/Baldé starten. Hunziker bringt Wucht, Arbeit und Tiefe. Baldé Geschwindigkeit – manchmal fast etwas zu viel davon: Kein Spieler der Liga wurde in den ersten zehn Runden häufiger wegen Abseits zurückgepfiffen. Gegen die Berner Verteidigung wäre also ein guter Abend, das Timing noch etwas zu perfektionieren.

Worauf es ankommt: Das Spiel dürfte ziemlich genau zeigen, wie weit der FCSG derzeit ist. Kann die Mannschaft auch gegen eine solche Offensive kompakt bleiben? Hält die defensive Stabilität, wenn der Druck grösser wird? Kann Grünweiss nach Ballgewinnen schnell genug umschalten? Und schafft es der FCSG, seine eigenen Offensivaktionen diesmal präziser zu Ende zu spielen? YB wird kaum 90 Minuten kontrollierbar sein. Das muss aber auch nicht sein. St.Gallen muss jene Phasen überstehen, in denen die Berner Wucht entwickeln – und dann mutig genug sein, selbst zuzuschlagen. Genau so sind zuletzt einige grosse Auswärtssiege entstanden. Und irgendwann ist da eben auch dieses neue Gefühl: Wankdorf? Kann St.Gallen. Unsere Prognose: YB ist Favorit. Die Berner sind noch ungeschlagen, haben mehr individuelle Qualität und die stärkste Offensive der Liga. Gleichzeitig fährt St.Gallen nicht mehr mit jenem Gefühl nach Bern, das diesen Ausflug über Jahre begleitet hat. Die Espen sind defensiv wieder stabil. Sie haben drei Spiele in Serie gewonnen. Sie wissen, dass sie im Wankdorf bestehen können. Deshalb erwarten wir ein enges Spiel. Eines, in dem St.Gallen leiden muss. Eines, in dem YB seine Möglichkeiten bekommt. Aber auch eines, in dem Grünweiss Chancen haben wird.
Unser Tipp: YB – FCSG 2:2.
Bild: Archiv Text: Marc Baumeler

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