«Dann werden wir halt Meister»
- gruenweiss.sg
- vor 22 Stunden
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Der FC St.Gallen empfängt am Sonntag den FC Thun. Drei Tage nach dem bitteren Europacup-Aus gegen Nordsjælland geht es für die Espen zurück in die Super League. Europa ist vorbei, der Traum vom internationalen Herbst geplatzt. Aber vielleicht beginnt genau jetzt der nächste Traum. Nach dem Spiel gegen die Dänen klingelte jedenfalls ein Telefon in der Tiefgarage des Berit Sitterstadions. Dann der kurze Satz: «Dann werden wir halt Meister.» Komplett falsch fühlt sich dieser Trotz nicht an.

Die Ausgangslage: Es gibt Niederlagen, die einen leer zurücklassen. Das 2:3 gegen Nordsjælland gehört dazu. Die Espen waren gut im Spiel, hatten die Dänen vor allem in der ersten Halbzeit phasenweise im Griff, reagierten auf Rückstände, erzielten schöne Tore und hielten auch nach dem Platzverweis gegen Mihailo Stevanović lange dagegen. Aber am Ende reicht es nicht. Europa ist vorbei. Und nun? Genau das ist die spannende Frage. Der Reflex nach einem solchen Abend ist naheliegend: hadern. Mit der roten Karte. Mit der Schwalbe. Mit der Chancenverwertung im Hinspiel. Mit diesem europäischen Herbst, der so nahe war und nun doch nicht kommt.
Nur: Lange hadern kann sich der FCSG nicht leisten. Am Sonntag wartet Thun. Die Meisterschaft geht weiter. Der Cup ist auch noch da. Und dieses Team hat in den vergangenen Monaten genug gezeigt, um zu glauben, dass es solche Rückschläge nicht einfach nur wegsteckt, sondern in Energie verwandeln kann. Dieser FC St.Gallen wirkt gefestigt. Reif. Wenig abhängig vom nächsten emotionalen Ausschlag. Er kann Rückstände drehen, er kann auf Ausfälle reagieren, er kann Spiele von der Bank verändern, er kann grosse Abende produzieren. Und ja: Er kann auch enttäuscht sein, ohne gleich auseinanderzufallen. Nach dem Cupfinal, nach dem Machtkampf, nach Benfica, Sheriff und auch Nordsjælland ist der Club nicht kleiner geworden. Er ist erfahrener geworden. Der Gegner: Der FC Thun kommt als Schweizer Meister nach St.Gallen. Das muss man sich noch immer kurz auf der Zunge zergehen lassen. Thun. Meister. Es war die grosse Geschichte der vergangenen Saison. Ein kleiner Klub, ein funktionierendes Kollektiv, ein Lauf, ein Titel, den vor einem Jahr niemand – wohl nicht mal sie selbst – für möglich gehalten hätte. Aber genau dieser Titel ist im Moment Fluch und Segen zugleich.
Thun spielt europäisch. Thun steht in der Ligaphase der Conference League. Und die Auslosung ist attraktiv: Gent, Ajax, Hearts, Twente, Hajduk Split und ZSKA Sofia heissen die Gegner. Keine schlechte Gruppe. Ein Abenteuer, das auch die Ostschweiz gerne mitgemacht hätte. Für die Thuner Meisterschaft ist es aber gefährlich. Denn die Berner Oberländer befinden sich national und personell in einer heiklen Lage. Viele Leistungsträger sind gegangen, der Umbruch ist gross, die Belastung hoch. Dazu kamen Resultate, die weh tun: 0:6, 0:7, europäische Klatschen, defensive Instabilität, viel Erklärungsbedarf. Präsident Andres Gerber sagte unlängst und sinngemäss, er sei gerade auch als Psychologe gefordert. Thun muss sehr schnell aufpassen und Punkte holen.

Die Espen: Beim FC St.Gallen geht es am Sonntag möglicherweise um eine Antwort. Nicht um eine Trotzreaktion mit Schaum vor dem Mund. Sondern um eine reife Antwort. Genau jene Reife, die diese Mannschaft in den letzten Monaten immer wieder gezeigt hat. Die Frage lautet: Wie schnell findet Grünweiss nach dem europäischen Aus zurück in den nationalen Rhythmus? Enrico Maassen wird genau hinschauen. Wer ist körperlich frisch? Wer braucht eine Pause? Wer trägt noch Enttäuschung in den Beinen? Wer ist bereit, sie rauszulaufen? Mihailo Stevanovic steht dabei besonders im Fokus. Seine Gelb-Rote Karte gegen Nordsjælland war bitter, unnötig und am Ende wohl mitentscheidend. Und genau deshalb passt unsere Prognose fast zu gut: mindestens ein Stevanovic-Tor. Weil der Fussball manchmal solche kleinen Drehbücher schreibt. Weil Spieler nach solchen Momenten eine Antwort suchen. Und weil Stevanovic zuletzt ohnehin in einer Phase war, in der er dem FCSG sehr viel gab. Auch sonst spricht einiges für St.Gallen.
Die Dreifachbelastung ist weg. So schade das europäische Aus ist, so sehr schafft es nun Klarheit. Der FCSG kann sich auf Meisterschaft und Cup konzentrieren. Auf Stabilität. Auf Punkte. Auf den nächsten Schritt in dieser Entwicklung. Und dann ist da noch dieser Satz den wir direkt nach dem Europacup-Aus in der Tiefgarage gehört haben. «Dann werden wir jetzt halt Meister.» Natürlich ist das übermütig. Natürlich ist das Fanlogik. Natürlich ist Ende August niemand Meister. Aber solche Sätze entstehen nicht aus dem Nichts. Sie entstehen, wenn ein Umfeld spürt, dass etwas möglich ist. Vor der letzten Füferchetti haben wir beim Nachtessen Enrico Maassen gefragt, ob er sich den Meistertitel mit St.Gallen zutraue. Er schmunzelte, dachte kurz nach und sagte dann: «(...)»
Das erzählen wir, wenn wir es dann geworden sind. Prognose: Europa ist vorbei. Die Meisterschaft ist da. Der Hunger auch. Unser Tipp: St.Gallen gewinnt 3:1. Mit mindestens einem Tor von Stevanovic.

Bild: Archiv
Text: Marc Baumeler

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