Reaktion im Ländle
- gruenweiss.sg
- 31. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Nach einer wilden Woche mit Benfica, FCZ und nochmals Benfica reist der FC St.Gallen am Sonntag zum FC Vaduz. Um 14 Uhr wartet im Rheinpark Stadion der Liga-Alltag — und genau der ist nach dem europäischen Aus in Lissabon nicht zu unterschätzen. Die Espen müssen die 0:5-Niederlage richtig einordnen, die angespannte Personalsituation auffangen und den Spagat zwischen Super League und Europa schaffen. Denn schon am Donnerstag darauf geht es international weiter – auswärts gegen Sheriff Tiraspol.

Der Spagat: Das Spiel in Vaduz ist kein lästiger Termin zwischen zwei Europacup-Abenden. Es ist Liga. Und Liga ist die Grundlage dafür, dass solche Europacup-Abende überhaupt wieder möglich werden. Darin liegt der Spagat. Der FCSG kommt aus einer äusserst intensiven Woche: dem grandiosen 2:1 im Hinspiel gegen Benfica, dem gedrehten 2:1-Heimsieg gegen den FC Zürich zum Auftakt in die Super League und dem 0:5 in Lissabon. Drei Spiele innert sieben Tage, drei sehr unterschiedliche emotionale Zustände: Euphorie, Reaktion, Ernüchterung.
Benfica hatte natürlich das wesentlich grössere Potenzial: sportlich, wirtschaftlich, individuell, in der Breite des Kaders. Ein Weiterkommen des FC St.Gallen wäre eine Sensation gewesen. Trotzdem war genau das über eine lange Zeit nicht ausser Reichweite. Im Hinspiel war St.Gallen besser. Im Rückspiel war St.Gallen zunächst auf Augenhöhe, auch wenn das frühe Gegentor weh tat und aus einer guten Ausgangslage sofort wieder eine offene Rechnung machte. Für ein Weiterkommen hätte an diesem Abend alles passen müssen: defensive Aufmerksamkeit, Effizienz, Disziplin, Mut, Frische, Glück. Das tat es nicht. Die Espen verwerteten ihre Chancen nicht. Dann kam der Platzverweis gegen Stanić. Und erst ab diesem Moment wurde Benfica klar besser, erst ab diesem Moment wurde aus einer schwierigen Aufgabe eine Überforderung.
Das ist wichtig für die Einordnung.
Lissabon war kein Abend, nach dem man den St.Galler Weg infrage stellen muss. Aber es war ein Abend, der Energie gekostet hat. Sehr viel Energie. Körperlich, mental, emotional. Erst die Hoffnung, dann die Ernüchterung, dazu die angespannte Personalsituation und die nächsten Aufgaben, die sofort warten.
Am Sonntag geht es nach Vaduz. Am Donnerstag geht es europäisch weiter gegen Sheriff Tiraspol. Der FCSG muss also gleichzeitig reagieren, rotieren, regenerieren und liefern. Das ist früh in der Saison ziemlich anspruchsvoll. Und genau darum ist Vaduz heikel. Nicht, weil der FCSG nach Benfica alles neu sortieren müsste. Sondern weil er sehr schnell wieder Alltag können muss. Und weil dieser Alltag in Vaduz gegen einen Aufsteiger stattfindet, der genau darauf hoffen wird: dass St.Gallen noch müde ist, noch hadert, noch mit einem halben Kopf in Europa steckt.

Worauf es ankommt: Der FC St.Gallen muss in Vaduz vor allem drei Dinge zeigen. Erstens: körperliche und mentale Frische. Nach Benfica sind Energiefragen entscheidend. Wer ist bereit? Wer ist fit genug? Wer braucht eine Pause? Wer kann nachlegen? Enrico Maassen muss sehr genau entscheiden, wem er die nächste Belastung zutraut und wen er auch mit Blick auf Donnerstag schützen muss. Die angeschlagenen Spieler, die vielen intensiven Minuten und die kurze Pause machen diese Auswahl kompliziert.
Zweitens: defensive Aufmerksamkeit. Das frühe Gegentor in Lissabon war ärgerlich, weil es vermeidbar war. Genau solche Momente darf sich der FCSG in Vaduz nicht leisten. Nicht, weil Vaduz Benfica wäre. Sondern weil solche Spiele schnell unangenehm werden, wenn man sie durch eigene Unsauberkeiten öffnet.
Drittens: Mut mit Ball. Das Benfica-Hinspiel und auch Phasen des Rückspiels haben gezeigt, dass dieser FCSG nicht dann gut ist, wenn er verwaltet. Er ist gut, wenn er aktiv bleibt. Wenn er Gegner beschäftigt. Wenn er das Zentrum bespielt, die Schienen nutzt und mit Tempo in die gefährlichen Räume kommt. Gerade gegen Vaduz darf St.Gallen nicht in einen Verwaltungsmodus fallen. Wer in Vaduz zu sehr auf Kontrolle spielt, lädt den Gegner ein.

Prognose: Vaduz wird kein Spaziergang. Der Aufsteiger wird dieses Spiel als Chance sehen. Gegen einen Cupsieger, der gerade aus Lissabon kommt. Gegen eine Mannschaft mit müden Beinen und angeschlagenen Spielern. Gegen einen Gegner, der schon am Donnerstag wieder europäisch gefordert ist. Das ist genau die Art Spiel, in der man sich als Favorit schnell selber Probleme bauen kann. Aber Vaduz ist kein normaler Aufsteiger. Es ist jener aus dem Liechtenstein und war letzte Woche ebenfalls international gefordert. Gegen Atlètic Club d’Escaldes aus Andorra gewann der FCV das Hinspiel der Conference-League-Qualifikation 4:0 und das Rückspiel mit 2:0.
Das heisst: Auch Vaduz steckt schon in diesem Rhythmus aus Liga und Europa. Auch Vaduz muss Belastung verwalten. Auch Vaduz weiss, dass die Wochen im Juli und August schnell eine Saison färben können.
Wir tippen auf 1:1.
Bild: Franz Schefer Text: Marc Baumeler

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